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#verbotenes#wiennnurduallein#weitblickend

Lockdown City

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Lockdown City | story.one

Ich hab den halben Tag verschlafen und Espresso wirft meinen Motor an. Eine Runde lächeln vorm Spiegel überlistet meine Trägheit und Schwere und lässt mich leichtfüssig in warme Wollkleidung springen. Ich brauche heute ein Highlight. Also packe ich die kalte Schnauze ein und mache mich am Weg in den 16.Bezirk. Jubiläumswarte ist das Ziel, wegen dem Fernblick wär's.

Als ich ankomme, ist es schon fast ganz dunkel. Auf das Plateau, das in über 30 Meter Höhe, an der Spitze liegt, führt eine Wendeltreppe. Ich habe Höhenangst, aber auf die pfeif ich heute. Ich klettere über die Absperrung und springe auf die ersten Stufen. Der Aufstieg beginnt, während mir der eiskalte Wind um die Ohren pfeift. Mit jeder Runde in Richtung oben wird der Ausblick fantastischer. Ich bin ganz allein, als ich auf der kleinen Plattform ankomme. Der Rundumblick ist mächtig. Der Wind auch. Die Angst hab ich unten gelassen, gut so. Vor mir liegt das Lichtermeer der Stadt. Ich liebe diesen Blick von oben, den Abstand, der mir jetzt gerade so guttut. In der Ferne ist eine Bergkette noch tiefrot eingefärbt, also was bleibt mir anderes übrig, als dabei tief auszuatmen und ganz bei mir zu sein.

Ich springe wieder ins Auto und wir düsen vom 16. in den 1.Bezirk. Eine Gassirunde unter Wiens schönster Weihnachtsbeleuchtung. Kärntnerstrasse, Graben und Kohlmarkt. Ich habe Glück und ergattere am Würstelstand noch einen Glühwein. Die Stimmung ist sehr ruhig. In meinen Ohren klingt der leichte und lebensbejahende Song “Schöner Moment” und lässt mich lächelnd, wippend mit meinem Becher Glühwein unter Tausenden Lichtern, weiterschlendern. Die kalte Schnauze kriegt zur Motivation ein Leckerli und ich ziehe eine Zigarette durch, als ich unterm Riesenweihnachtsbaum vor dem Stephansdom stehe. Mächtig.

Ich merke wie einsam ich mich fühle.Ich vermisse Berührungen, es ist kalt. Ich lese die Gesichter der Menschen, die an mir vorübergehen. Es ist ein bunter Emotionsstrauß . Es treffen mich ein paar warme Blicke und das ein oder andere Lächeln. Am Graben steht eine Opernsängerin, jedenfalls klingt sie so. Sie trägt eine goldene Krone und versorgt uns, die durch die Straßen streifen, mit ihrem Gesang. Die Situation ist verzaubernd.

Ich komme näher, als 2 Polizisten ihren Gesang stoppen. Sie ist betreten und spricht in unsicherem Deutsch. Sie hat keine Platzkarte. Schon wird der Block gezückt und die Daten aufgenommen. Da stehen sie, die Ordnungshüter, eiskalt, breitbeinig und aufrecht, als hätte sie ihren Schlagstock verschluckt. Die Energie ist grauslich. Mittlerweile sind wir zu viert und mit respektvollem Abstand verfolgen wir verärgert die Situation. Sie hat kein Geld, also gibt`s eine Anzeige. Ein Passant möchte für sie sprechen, aber er muss zurücktreten und darf die Amtshandlung nicht stören. Als sie mit ihr fertig sind, schnappt sie das Kleingeld und läuft davon.

Mir laufen Tränen über's Gesicht. Es tut mir so leid.

Menschlichkeit bei der Polizei? Fehlanzeige!

© Figaro 2020-11-21

corcooningLOCKdown - 2.(0) Klappe

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