Il Palazzo degli Spiriti

Wir fuhren die schmal asphaltierte Straße von Marechiaro hinauf, vorbei an der kleinen Siedlung „La Siberia“ die wohl wegen ihrer Abgeschiedenheit (man konnte nur über eine kleine befestigte Straße hinunter gelangen) den Namen Sibirien trug, aber auch deshalb, da dort einige Menschen wohnten die etwas „anders“ waren. Ich erinnere mich, mein Onkel Ciro wohnte auch dort, er war homosexuell, er kam uns oft besuchen auf der Via Manzoni, wo wir wohnten, denn mit meiner Mutter konnte er offen über alles reden, er hatte es sicher nicht leicht im Neapel der vierziger, fünfziger Jahre! Er war der Bruder meiner Nonna, ich erinnere mich, wir Kinder waren gern dort, der Fernseher lief immer und es gab immer Süßigkeiten und jede Menge Freunde zum spielen.

Die „Discesa Marechiaro“ wo mein Nonno und nun der Zio Enzo wohnte, war hier mit großen, glatten Pflastersteinen ausgelegt und wechselte immer wieder mit asphaltierter Straße, abwärts führte sie bis zum Meer und dem berühmt, besagten und vielbesungenen finestrella, (Fenster) von Marechiaro, von dem Schriftsteller Salvatore di Giacomo. Die Via Posillipo, die am Hafen von Margellina in die „Via Carracciolo mündet mit seiner langen Promenade dem Meer entlang, den vielen kleinen Bars und Chalets, führt stadtauswärts hinauf, bis zu der Via Manzoni. Diese schlängelt sich paralell den Hügelkamm entlang bis zum Vomero, einer der höchsten Punkte Neapels. Dort führt dann die „Funiculare centrale“ die Standseilbahn wieder hinunter, sie verbindet den Vomero mit der „Via Toledo“ der langen Einkaufsstraße im Zentrum.

Der Meeresspiegel in Neapel war von jeher, starken Schwankungen unterworfen, dies zeigt auch die alte Römersiedlung in Baiae, bei den phlegräischen Feldern, deren antiker Hafen und Villen unter dem Meeresspiegel liegen. Ein archäologisches Schutzgebiet – den Unterwasserarchäologiepark. Die phlegräischen Felder, ein riesiger Vulkankegel, hat die Küste und den Meeresspiegel immer wieder gehoben und gesenkt. Das beweisen alte Ruinen entlang der Küste, die entweder knapp am, oder unter dem Meer liegen. In Marechiaro gibt es z.B. „il palazzo degli spiriti“ eine Ruine direkt am Meer. Eine alte Villa aus der Römerzeit, die nun von den Jugendlichen dazu benutzt wird, um aus verschiedenen Höhen ins Meer zu springen.

Ich erinnere mich wie wir einmal mit Zio Raffaele dort fischen waren, wir saßen in einem kleinen Ruderboot und uns war übel, denn das Boot schwankte auf und ab. „Zio Pappele“ wie wir ihn nannten, packte ein riesiges Panino aus, teilte es in drei Teile und sagte, esst dann wird euch gleich besser... und wirklich oh Wunder, die Übelkeit war wie weggeblasen. Er sagte uns wenn du was ißt, ist der Magen beschäftigt und denkt nicht an die Übelkeit. Da fällt mir mein Nonno ein, der das hartgewordene Weissbrot unter kalten Wasser immer einweichte und dann mit Tomaten, Salz und Olivenöl, aß! Er sagte zu uns, seht ihr wir Neapolitaner sind so sauber, wir waschen sogar unser Brot.

© Fiorimonte