der aufrechte gang

nungwi, ein fischerdorf an der westküste sansibars. moa ist 9 jahre alt, bevor sie sich auf dem lastwagen, dessen ladefläche mit reihen von holzbänken ausgestattet ist auf den holprigen weg in die vorstadt der inselhauptstadt machen kann, muss sie mit ihren brüdern noch den fang, den ihr vater morgens aus seinem boot an den strand zieht, sortieren und zu dem platz im dorf schleppen wo der fisch versteigert wird.

danach legt sie den besseren kanga an, macht sich auf den weg, vorbei an den dorfjungen, die sie wegen des ihr anhaftenden fischgeruchs mit zweideutungen frechheiten bewerfen. sie reagiert wie ein anständiges mädchen zu reagieren hat, zieht den kanga tiefer in die stirn, neigte den kopf schräg nach vorne, richtet den blick zu boden und schleicht, mit überkreuzten armen, an den jungen vorbei. um dann vom fahrer des transports mürrisch angebrummt zu werden, weil er der meinung ist, dass es unstatthaft wäre eine tochter in die stadt zu schicken, auch wenn selbst er zugeben muss, dass ihre brüder zwar einen oktupuss von einer scholle, aber, mit größter wahrscheinlichkeit, eine straßenwalze nicht von einer nähmaschine unterscheiden könnten.

in der näherei hält sie den blick streng gesenkt, um nicht die aufmerksamkeit des vorarbeiters zu wecken und von ihm, in der kurzen pause, in sein büro zitiert zu werden.

noch im haus entdeckt sie, die überraschung die ihr vater angekündigt hatte. einen spiegel der so groß ist, dass sie sich darin zum ersten mal vom kopf bis zu den zehen betrachten kann. sie sieht ihre füsse, bewegte die zehen, benutzt ihre zehen wie hände die sich an der erde festhalten, fühlte sich stabil wie ein baum.

es gefällt ihr sich von der seite zu betrachten, sie richtet ihren oberkörper auf, wie in einem spiel trachtet sie ihre nasenspitze, knie und zehen in eine linie zu bringen, lacht und zieht die schultern langsam nach hinten wodurch sie erst eine gerade bilden, hebt den kopf, streckt wirbelsäule und hals, richtet ihren blick aus und merkt belustigt, dass es sich anfühlt wie die welt von oben zu betrachten. beschliesst, in dem moment scherzhaft, nichts mehr beachtung zu schenken das unter ihrem blickfeld liegt und da sie für ihr alter durchaus groß gewachsen ist, ist das eine ganze menge.

ganz langsam setzt sie zu einem schritt an, stellt die ferse des einen fusses in eine linie vor den großen zeh des anderen. mit befriedigtem lächeln nimmt sie die schöne geradlinigkeit ihrer eigenen gestalt wahr. so geht, schwebt sie los, mit erhobenem blick, einen fuß vor den anderen setzend.

was auch immer der grund gewesen sein mag, aber das gegacker der dorfjungen erstarb als sie an ihnen vorbeischritt. der fahrer schloß schweigend die klappe hinter ihr und sie erahnte den lüsternen blick des vorarbeiters nur irgendwie unter ihrer blickhöhe.

da wusste sie, dass heute ein besonderer tag war.

es war der tag als moa den aufrechten gang entdeckte.

© Flaco