eur opa und papa

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eur opa und papa | story.one

als der augustiner eremitenmönch martin behauptete, dass man mit gott direkt verhandeln könne, ohne vermittlung seines bodenpersonals in form von papst und kaiser, begann ein umdenkprozess in europa.

luther schlug seine thesen an das tor der kirche in wittenberg, erklärte, dass die vergebung der sünden eher durch buße, als durch zahlungen an kirchenfürsten zu erlangen wäre.

das begründete eine spaltung in europa, die darin gipfelte, dass seine anhänger hundert jahre später die habsburgisch katholischen beamten aus den fenstern der prager burg warfen, was einen glaubenskrieg auslöste der dreißig jahre lang europa verwüstete, einem viertel der damaligen bevökerung das leben kostete und wie alle kriege zu keinem vernünftigen ergebnis führte, aber flüchtlingsbewegungen quer über den kontinent auslöste.

so kamen meine vorfahren im siebzehnten jahrhundert aus sachsen in das, damals unter magyarischer herrschaft stehende transylvanien.

dass meine mutter behauptet, an meiner großmutter ähnlichkeiten mit dem berühmten grafen aus der gegend festzustellen, halte ich trotzdem für eine persönliche einschätzung.

mein großvater, in der habsburgischen doppelmonarchie österreich ungarn geboren, wurde nach ende des ersten weltkriegs zum deutschsprachigen rumänen in einem, hauptsächlich von ungarn bewohnten gebiet.

dass siebenbürgen jahrhunderte lang von den osmanen regiert wurde, merkte ich als kleines kind noch daran, dass ich von meinem opa oft mit rahat und halva, typisch türkische süßigkeiten, gefüttert wurde.

als man im damals armen deutschland fantasien entwickelte, ein imperium unter der menschenverachtenden führung eines größenwahnsinnigen österreichischen zwerges mit komischem bart zu errichten, haben sich viele angehörige der deutschstämmigen bevölkerung, die im völkergemisch des balkans zu hause waren, von der vorherrschenden euphorie anstecken lassen.

nicht zuletzt deshalb wurden deutschsprachige, von der mehrheitsbevölkerung, auch nicht ganz unverständlich, brutal vertrieben, egal ob sie dafür oder dagegen und dass sie seit achthundert jahren dort ansässig waren.

als diese unsäglichen ideen unter millionen toten wieder im schreckenskabinett der geschichte zu verschwinden begannen kam ein teil meiner familie in nächtlichen märschen von rumänien nach wien. unter tags versteckte man sich in den wäldern und hoffte nicht entdeckt zu werden.

was meinem, damals einjährigem vater, somit indirekt auch mir, beinahe das leben gekostet hat, da er sich auf dem marsch eine lungenentzündung holte, die er nur knapp überlebte.

dafür konnte mein vater dann in der neuen heimat, frei von kriegen, in bescheidenem wohlstand leben, weil man in europa gelernt hatte, dass zusammenarbeit die basis für wohlstand ist.

leider ist mein vater vor wenigen jahren verstorben. er gehörte zur ersten generation die ohne krieg in europa erwachsen werden durfte.

ich hoffe nicht zur letzten!

© Flaco