fetznschädl

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fetznschädl | story.one

im park, wo am frühen abend ein kleinbus der caritas essen an jene ausgibt, die es benötigen, sitzt ein bärtiger, dicker mann in einem schmutzigen mantel und löffelt suppe aus einer plastikschale. irgendwo kommt er mir bekannt vor. er blickt mir ins gesicht und scheint auch zu überlegen. seine augen sind gerötet, sein gesicht voller pickel. da ist ein gegenseitiges erkennen, aber wir können einander nicht einordnen.

ich lasse meinen hündin von der leine, sie schnüffelt in der wiese, hole eine zigarette aus der packung. seine kopfbewegung gibt mir zu verstehen, dass er wohl auch gerne eine hätte. ich biete ihm eine an, der kurze anflug eines lächelns, gebe ihm feuer. er macht einen tiefen zug, murmelt ein "daunk da". da wird mir mit einem schlag klar, dass es sich um den dicken hansi, den fleischhauersohn handelt, der schon mit mir im kindergarten war. er ist nie mein freund gewesen, ganz im gegenteil.

seine eltern betrieben eine im grätzl beliebte fleischhauerei. beide waren unheimlich dick und hatten, so kam es mir als kind vor, schweinsgesichter (kommt mir oft so vor bei fleischhauern, vielleicht schlüpfen ja die seelen der zerteilten schweine in sie). der hansi sah schon immer genau wie die beiden aus, das hat sich leider nicht geändert.

meine erste seltsame erinnerung an den dicken hansi stammt aus der frühen kindheit. irgendetwas hatte verhindert, dass meine mutter die schnitzel für das wochenende rechtzeitig abholen konnte, also klopfte sie nach geschäftsschluss noch an die türe des fleischhauers, der öffnete und ich konnte den hansi von hinten bei tisch sitzen sehen. das überraschendste war nicht, dass er, obwohl dafür eigentlich schon zu groß, in einem dieser kinderhochsitze saß, sondern, dass er ein rosanes kleidchen trug, was mich damals verwirrte und mir bis heute bildhaft im gedächtnis geblieben ist.

in den siebzigern wurde er von seiner mutter in anzug mit krawatte und lackschühchen in die hauptschule gebracht. was bei uns plateauschuhträgern in glockenhosen für gelächter sorgte, das aber leise, denn der hansi war zwar fett und pickelig, aber auch groß und brutal. so schaffte er es zum anführer einer gruppe zu werden, die wir damals "die fetznschädln" nannten. selbst dort mochte ihn keiner, aber niemand wagte es ihm zu widersprechen.

später erlangte er einige lokale berühmtheit, weil er seinen alkoholkranken vater erschlagen und am fleischerhaken aufgehängt hatte, worauf er für einige jahre in einer anstalt für geistig abnorme rechtsbrecher verschwand. nun saß er fett und schmutzig im park, schlürfte suppe aus einem plastikschälchen und schnorrte mich mit dackelblick um eine zigarette an.

da tat er mir schon wieder leid, der dicke hansi. er hat es nicht leicht gehabt, niemand mochte ihn und ich war ja auch nie freundlich zu ihm gewesen, bis eben. wenn er mich erkannt hat, dann ließ er es sich nicht anmerken. ich lasse ihm noch eine weitere zigarette für später da und wünsche ihm alles gute, dem fetznschädl.

© Flaco