gustavo

er ist dozent für architektur in caracas. spezialisiert auf das wien der jahrhundertwende. wir hatten uns in venezuela kennen gelernt, nachdem ich lange zeit in seinem haus verbracht hatte, kam er mich in wien besuchen, zu einer zeit als sich auch die venezolanische mittelschicht das noch leisten leisten konnte, als die regierung sozialdemokratisch war, zwar auch korrupt, aber auch sozialdemokratisch.

er lebt in dem haus in dem er geboren wurde, etwas abseits der avenida lecuna, einer hauptstraße die die grenze des barrios "san augustin del norte" bildet, nicht weit von der brücke über die autobahn, die auch eine grenze darstellt. was zu wissen lebenswichtig ist, denn das nachbarviertel, "san augustin del sur" ist eines, das als "tierra caliente" "heisser boden" gilt, das heißt, durchfahren geht schon mal , hineinspazieren - gar keine gute idee!

sein haus beherbergt neben einer beeindruckenden sammlung von büchern und kunstwerken auch eine von salsa und latin jazz platten. wenn jemand weiß, wo irakere ein thema von tito puente aufgenommen hat, ob bei dieser aufnahme sandoval der trompeter war und wer die maracas spielte, dann gustavo.

die wände des hauses waren mit seinen bildern behängt. er macht handcolorierte collagen von drucken aus den 20er jahren, die auch in den hippen galerien, von denen gab es damals noch eine ganze menge in caracas , ausgestellt wurden. selbst wenn die musik immer wieder von schüssen in der umgebung übertönt wurde, waren die rauschenden "fiestas" in gustavos haus legendär in caracas. als ich zurück nach wien flog dauerte das abschiedsfest so lange, dass ich schließlich gezwungen war meinen abflug zu verschieben.

ein unvergesslicher moment als ich gustavo am flughafen schwechat umarmte. jemand der seit jahren vor architektur studenten über otto wagner, adolf loos und die welt freuds und schnitzlers dozierte, aber noch nie zuvor in wien gewesen war.

obwohl ich selbst lange als fremdenführer gearbeitet habe, habe ich nie mehr so viel wissenswertes über die stadtbahnbögen, die sezession, den karl marx hof, die otto wagner kirche oder die fuchs villa in hütteldorf erfahren, wie auf unseren spaziergängen durch die stadt, über die gustavo, obwohl er sie zum ersten mal besuchte, doch so viel mehr wusste als ich.

als ich vor kurzem über whatsapp mit ihm telefonierte bin ich erschrocken wie schlecht er aussieht, was er lächelnd als den effekt dessen abtat, was man mittlerweile als die "maduro-diät" bezeichnet, die darin besteht, dass selbst grundnahrungsmittel, wenn überhaupt, nur mehr zu astronomischen preisen, auf dem schwarzmarkt zu bekommen sind.

traurig wozu eine rücksichtslose diktatur führen kann, die noch dazu die chuzpe hat sich selbst als "sozialistisch" zu bezeichnen. selbst in einem land, das mit seinen schneebedeckten bergen, regenwäldern, karibikstränden und unermesslichen bodenschätzen zu einem der reichsten und schönsten der erde zählt.

© Flaco