antonio

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antonio | story.one

der subdiakon antonio lucio vivaldi, den sie wegen seiner haar und hautfarbe den "roten priester" nennen, übersiedelt, als seine musik in italien aus der mode gekommen ist, mitte des achtzehnten jahrhunderts, als musiklehrer und opernkomponist von venedig nach wien.

nach seinen erfolgen in italien fristet er hier ein karges beamtenleben am hofe des vaters von maria theresia und wird nach seinem frühen tod vor der stadtmauer auf dem "spitaller gottsacker" begraben. ein friedhof der sich dort befand, wo heute die technische universität steht.

im rahmen des pop fest wien findet eine fm4 party in den sälen der universität statt. das bürgt für live acts am puls der zeit, immer. am späten abend spielt der nino aus wien.

ein rätselhafter kerl, erinnert mit seiner autistischen art irgendwas zu nuscheln, wenn er etwas sagen soll, an den frühen bob dylan. meist murmelt er nur mit nach vorne geneigtem kopf erhebendes wie "ja, hab ich auch einmal fast" dabei lächelt er so verschmitzt, dass man sogar hinter dieser banalität etwas unterhaltsam schmutziges wittert. er singt hinreissend rotzige lieder in tiefem wiener dialekt, ist gerade dabei bekannt zu werden.

ich lerne einen basken kennen, der sich als ein musiker madonnas herausstellt, der am nächsten tag mit der queen of pop ein konzert im praterstadion spielen soll. der junge kerl ist auf der suche nach etwas zu rauchen, also lade ich ihn (auf eine zigarette - was sonst?) ein und stelle ihn auch martin b., dem musikalischen leiter meines zweitliebsten senders vor, mit dem mich eine gemeinsame freund/feindschaftschaft mit einer schizophrenen frau verbindet. (ich konnte jeden moment sofort an ihrem gesicht erkennen mit welcher der beiden ich es gerade zu tun hatte, ob sie mich für ihren freund oder einen spion halten würde. wilde geschichte, aber eine andere)

fünfzig jahre nach dem tot antonio vivaldis, als die innerstädtischen friedhöfe vom sohn maria theresias aufgelassen wurden, waren keine angehörigen des rothaarigen barbiersohnes aus venedig mehr in wien. niemand der sich darum gekümmert hätte für seine vetrockneten gebeine eine neue ruhestätte zu finden, also wurde irgendwann über seinem grab die technische universität errichtet.

in der sich gerade die party vom saal in den innenhof an die bar zu verlagern beginnt, während der nino "du oasch" in die euphorisierte menge raunzt.

ich weiß nicht ob es das bier oder die zigarette war, aber als ich martin und dem basken erzähle, dass antonio vivaldi auch auf der party, sozusagen in getrockneter form, anwesend ist, sind wir alle ergriffen, stoßen nochmal auf das wohl antonios an und schmeissen uns in die menge.

der nino singt etwas über seinen psychiater und den prater. ich bin sicher der ausgebleichte mittelfußknochen antonio vivaldis hat zumindest leicht gewippt dazu im takt.

auch der rote priester hatte in den letzten vier jahreszeiten nicht so viel spaß gehabt wie in dieser nacht.

in der stadt der musik.

© Flaco 16.10.2019