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#1sommer1buch#baumwelten

Bäume – sichtbar gewordene Erinnerungen

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Bäume – sichtbar gewordene Erinnerungen | story.one

Man soll in seinem Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und ein Kind zeugen. Ich habe zwar weder Haus noch Kind, aber einen Baum habe ich gepflanzt und nicht nur einen. Es ist eine wundervolle Tätigkeit, die mich mit Frieden erfüllt, wenn ich einem kleinen Gewächs ein Zuhause geben kann und ab und zu ist es mehr als das; dann sind es Erinnerungen, die durch Stamm und Blätter oder Nadeln sichtbar werden:

Einen dieser Bäume habe ich in meinem Garten gepflanzt. Er erinnert mich an meinen Vater, der den Steckling aus einer Maroni gezogen hat, ihn im Blumentopf am Stubenfenster stark werden ließ und ihn dann in meine Obhut gab. Zuerst war ich nicht sicher, ob das Experiment aufgehen würde; schon bei der Idee meines Erzeugers, die Maroni einfach ins Wasser zu geben und zu warten, ob sie Wurzeln bekäme, schmunzelte ich. Mein Vater ist ein Träumer, jemand, der an die großen und kleinen Wunder und an die Dinge zwischen den Dingen glaubt und auch in diesem Fall ließ ihn sein Glaube nicht im Stich. Der Baum wollte wachsen und als ich ihn in die Erde setzte, wünschte ich ihm alles Gute und vertraute darauf, dass sein Wille, sich dem Himmel emporzustrecken, bestehen bleiben würde. In gewisser Hinsicht wie einem Kind, das auf eigenen Beinen stehen wird. Der Wille hatte Bestand und an die zwei Meter mit einer Stammdicke von zehn Zentimetern hat er bereits geschafft, der Kastanienbaum.

Zwei andere Bäume habe ich gemeinsam mit Bergkameraden auf knapp 1700 Metern Seehöhe unterhalb von ein paar Felsen gepflanzt. Sie waren das Gastgeschenk auf der Hochzeit eines Waldpädagogen und einer Umweltpädagogin, der wir am Vortag als Gäste beiwohnen durften. Es wirkte klischeeartig, als sie uns beim Nachhause-Gehen kleine Zirbenbäumchen im Glas überreichten und doch passte es so wunderbar zum Brautpaar auf der einen Seite und auf der anderen Seite aufgrund der dahinterstehenden Bedeutung: Eine Zirbe benötigt Zeit, um zu wachsen und man muss Geduld mit ihr haben. Dafür wurzelt sie so tief, dass sie Wind und Wetter trotzen kann, ist genügsam und widerstandsfähig, weswegen sie gut für höhere Lagen geeignet ist und sie kann richtig, richtig alt werden. Gibt es eine schönere Allegorie für die Liebe als diese? Zeitig in der Früh brachen wir auf. Die kurze Nacht und das rauschende Fest machten den Aufstieg auf einen meiner Lieblingsberge, dessen Gipfel die Frischvermählten von ihrem Küchenfenster aus sehen konnten, beschwerlicher als sonst, doch die Zirben brauchten ein Zuhause und somit bissen wir durch. An einer markanten Wegstelle mit toller Aussicht entdeckten wir den Platz für die Bäumchen und gruben sie mithilfe von Trekkingstöcken in die Erde. Nachdem wir sie mit Wasser aus den Camelbaks gegossen hatten, entließen wir sie in die Freiheit. Zwar sind sie weit von zwei Metern Höhe entfernt, aber sie stehen noch dort oben, wachsen beharrlich Tag für Tag und geben mir einen guten Grund öfters mal zu ihnen aufzusteigen und im Anschluss das Brautpaar zu besuchen.

© FlohL 2020-09-25

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