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#diagnosemensch#vontränenschmerzundverzweiflung

Das S ist zu stark

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Das S ist zu stark | story.one

„Oh, ok! Ja, das ist eindeutig, das kann man nicht wegdiskutieren oder mit Akupunktur lösen. Das ist einfach wie es ist. Die Frage ist, welches Ziel Sie haben?“ Meine Ärztin blickte vom Röntgenbild auf und in mein Gesicht. „Ziel?“ „Ja, was wollen Sie? In 10 Jahren auch noch fit sein? Schmerzfrei sein?“ Irritiert sagte ich: „Das habe ich mir nicht überlegt.“

In Gedanken war ich wieder das 12-jährige Mädchen, dessen einziges Ziel es war, auf die Skihauptschule zu gehen und irgendwann im Damen Skiweltcup zu fahren und bei dem eine starke Skoliose festgestellt wurde. „Das S der Wirbelsäule ist zu stark ausgeprägt“, hatte der Arzt damals gesagt. Das Mädchen, das bald nach dieser Diagnose anstatt Ski zu fahren mit Stützkorsett und Turnbefreiung am Seitenrand des Turnsaals saß und ihren Schulkolleginnen mit Tränen in den Augen beim Handballspielen zuschaute und daraufhin gegen den Willen der Eltern und Lehrer am Turnunterricht teilnahm, mit Korsett – stur, aufbegehrend und verzweifelt versuchend irgendeinen Teil ihres Ziels zu retten und seien es nur die 3 Turnstunden pro Woche.

Welches Ziel sollte ich also haben?

Die 16-Jährige kam mir in den Sinn, die endlich von ihrem Plastikpanzer befreit war. Auf einer Berufsinformationsmesse bekam sie den Folder des Instituts für Sportwissenschaften in die Finger und manifestierte daraus ihr nächstes Ziel: das Sportstudium. Ihre Augen leuchteten, wenn sie darüber sprach und mit großer Leidenschaft bereitete sie sich akribisch auf die Eignungsprüfung vor – 1 ganzes Jahr lang. Ein großes Investment für ein großes Ziel. Zwar war es nicht der Leistungssport, aber es war ein Studium mit Bewegung und verschiedenen Sportarten. Sie wusste, dass sie es schaffen konnte, dort aufgenommen zu werden. Von der Skoliose war keine Rede mehr bis der Arzt bei der Untersuchung zur körperlichen Tauglichkeit feststellte: „Ich kann kein positives Attest ausstellen, ein Sportstudium würde die Wirbelsäule überfordern.“ Das S war immer noch zu stark.

Welches Ziel sollte ich also haben?

In all den Jahren, die seit damals vergangen sind, habe ich immer Sport gemacht: War Skifahren, Squashspielen, Bergsteigen, Klettern, habe Fitness- und Krafttraining gemacht und schließlich mit über 30 meine Liebe zum Laufen und speziell für den Halbmarathon entdeckt. Jede Minute, die ich mich bewegen konnte, war eine gewonnene Minute, die ich in vollen Zügen genoss. Langfristige sportliche Ziele steckte ich mir nicht mehr – gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer.

Da saß ich schließlich in dieser Ordination, entspannt, sportlich ausgeglichen und wurde wieder mit dem S konfrontiert. Dieses S, das mir immer wieder im Wege stand. Es war immer noch da, es würde nicht mehr gut werden und offenbar war ich bereits in einem Alter, in dem man anfangen sollte, langfristig auf seine Gesundheit zu achten und dafür auf gewisse Dinge zu verzichten – das blieb zwischen den Zeilen bei mir hängen.

Welches Ziel sollte ich also haben?

© FlohL 2020-11-19

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