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Der Wein ist aus

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Der Wein ist aus | story.one

Zwei junge Frauen, gerade frisch ins Berufsleben eingestiegen, beschlossen ihr hart verdientes Geld in ein Mädelswochenende zu investieren. Italien sollte es sein, aber nicht eine der Partydestinationen. Nein, die Region Friaul-Julisch Venetien lockte uns mit der Aussicht auf kulinarische Genüsse und gute Gespräche. Vor allem der friulanische Weißwein hatte es uns angetan und so war es naheliegend, dass wir uns direkt in ein Weingut einquartierten.

Bereits auf der Fahrt genossen wir das italienische Lebensgefühl bei einem Zwischenstopp in Cividale: Espresso und ein Besuch der Teufelsbrücke, die Sonne hoch am Himmel – einfach herrlich. Auf dem Weingut angekommen, bekamen wir von der Winzerin eine kurze Führung durch ihr Anwesen, das auf einer Seite direkt in den Weingarten führte. Ein Ort, der zum Wohlfühlen einlud und unsere weinliebhabenden Herzchen höherschlagen ließ. Bevor wir unser Apartment bezogen, fragte die Chefin des Hauses, ob sie einen Wein für uns kaltstellen sollte. „Gerne, aber eine Flasche ist ausreichend“, antworteten wir ihr verantwortungsbewusst. Ihren ungläubigen Blick wussten wir noch nicht zu deuten.

Nach einem ausgezeichneten, mehrgängigen Abendessen kehrten wir in unser Quartier zurück und fanden die bestellte Flasche Wein in unserem Kühlschrank und zwei Gläser auf dem Tisch. Ausgelassen diskutierten wir auf unserer kleinen Terrasse in der lauen Sommerluft über Gott und die Welt und genossen das Leben. Es war einer dieser Abende, von denen man sich wünscht, sie mögen nie enden. Irgendwann waren die Gläser leer und ich wollte uns nachschenken. Doch was war das? Der Wein war aus? Wann war das passiert? „Das sollte kein Problem sein“, meinte mein Gegenüber, „wir sind hier auf einem Weingut.“ Also machten wir uns auf die Suche: Der Verkostungsraum lag im Dunkeln. Schon die Suche nach dem Lichtschalter war abenteuerlich; hinter einem Weinfass ertasteten wir ihn schließlich und im Lichtschein fanden wir mehrere Weinflaschen: Solche, die man zu besonderen Anlässen verschenkt oder die der Winzerin geschenkt wurden und kartonweise Rotwein, den wir beide nicht vertrugen. Wir gaben nicht auf und suchten weiter. „Ein Verkostungsraum ohne Kühlschrank, das gibt es nicht.“ Weit und breit war ein selbiger nicht auffindbar. „Warum gehen wir nicht in den Weinkeller?“, schlug ich vor. Die Idee war gut, bloß wo war der Eingang? Nachdem wir einige Türen probiert hatten und sie geschlossen vorfanden, mussten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass der Abend mit Mineralwasser sein Ende finden würde.

Als die Winzerin am nächsten Tag von unserer Suche hörte, brach sie in schallendes Gelächter aus: „Ihr sitzt im wahrsten Sinne des Wortes auf Unmengen von Wein und hattet nichts zu trinken?“ Daraufhin zeigte sie uns den Abgang zum Weinkeller – es war die letzte Tür, die wir im Dunklen nicht gesehen hatten – und wir gingen als die durstigen Österreicherinnen in die Annalen ein, die den Wein nicht fanden.

© FlohL 2020-09-10

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