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#1sommer1buch

Einen Grande Cappuccino, bitte!

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Einen Grande Cappuccino, bitte! | story.one

„Hallo! Bitte, was darf’s denn sein?“ Ein Lächeln auf dem Gesicht begrüßt sie freundlich jeden Gast über die Kaffeemaschine hinwegblickend und nimmt gelassen alle Wünsche – so unmöglich sie auch sein mögen – in Empfang, um sie mit viel Liebe zuzubereiten. Sie ist Teil, fast schon Interieur, meines Lieblingskaffeehauses, einem Ort zum Wohlfühlen.

Egal, ob Café Latte, Iced Latte mit Hafermilch, Verlängerter oder Espresso im Glas mit einem Schuss Sojamilch, Kaffee ist ihre Leidenschaft und es gibt wohl keine Kombination, die sie nicht zubereitet. Wenn ich meiner Lieblingsbarista beim Arbeiten zusehe, überträgt sich ihre Stimmung auf mich. Sie erlaubt mir ein Abtauchen in eine Welt, in der out of the box gedacht werden darf, Wünsche respektiert und nach Möglichkeit erfüllt werden, während ich an meinem koffeinfreien Grande Cappuccino nippe. Es gibt nicht nur die Karte, es gibt die Karte mit dem persönlichen Extra. Wer sich jetzt denkt „Hey, das ist doch nur Kaffee“, der irrt! Dieses Lokal ist ein Lebensgefühl, eine Welt, in der Platz für Vieles ist, wo Jung und Alt im gleichen Lokal sitzen und sich in Wohlfühlatmosphäre eine kleine Auszeit von ihrem Alltag gönnen können.

Eine ältere Dame unterhält sich an der Kasse mit einem Grundwehrdiener, während dahinter ein Mann gedankenverloren die Zeitung durchblättert, die Kaffeetasse in Mundnähe, ständig bereit für den nächsten Schluck. Das Paar dahinter blickt sich über ihre Gläser verliebt an und neben mir telefoniert eine Austauschstudentin mit jemandem aus ihrer Heimat. Von meinem Platz aus sehe ich noch den jungen Autor, der sein Moleskine eifrig mit Worten befüllt und immer wieder den beiden Businessfrauen, die über ihren Unterlagen brüten, bei ihrer Besprechung zusieht. Nicht zu vergessen, die Gruppe von Schülern, die am großen Tisch, der in der Mitte des Raumes steht, gemeinsam versuchen, sich mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung anzufreunden. Das spezifische Geräusch von Löffeln, die auf Keramik gelegt werden und Tassen, die abgesetzt werden, untermalt stilecht die ganze Szenerie. Und ich? Ich sitze an meinem Tisch in der Ecke, blicke gedankenverloren aus dem Fenster, um mir Ideen zu holen, schmunzle dann und wann, schreibe (diese Zeilen und andere), mache Pläne oder beobachte einfach die Menschen um mich herum. Sie bilden eine bunte Community und jeder, der durch die Türe tritt, gehört auf seine oder ihre Weise dazu. Man könnte auch sagen, es ist eine Kaffeehauskultur der anderen Art: Auf den ersten Blick hektisch und stressig, muss man sich doch anstellen und selbst das schwarze Gold zum Tisch tragen. Auf den zweiten Blick hingegen kann man hier wunderbar seine eigene Insel sein, in diese Stimmung eintauchen, sich einlassen, chillen und sich von der leisen Soulmusik mittragen lassen. Immer begleitet von der Stimme, in der das Lächeln mitschwingt: „Hallo! Bitte, was darf’s denn sein?“



© FlohL 2020-08-16

#everydaystorys - alltagsgeschichten

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