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Kein Aprilscherz

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Kein Aprilscherz | story.one

Der Mond spiegelte sich im Gardasee, die Luft war ungewohnt warm und wir standen schweigend am Ufer – N und ich. „Wenn wir das nächste Mal hier stehen werden, bin ich verheiratet, kannst du dir das vorstellen?“ Ihre Frage durchbrach die Stille und es dauerte eine Weile, bis ihre Bedeutung zu mir durchdrang; das lag möglicherweise an der Flasche Wein, die wir getrunken hatten, aber vielmehr daran, dass ich lange Zeit nicht an diese Hochzeit geglaubt hatte.

N war meine beste Freundin seit der Schulzeit und seit ich sie kannte, liebte sie diesen Mann. Mit M verband sie sehr viel – sie hatten die gleichen Werte, ähnliche Interessen und wollten ihr Leben unter denselben Stern stellen. Allerdings war er lange Zeit nicht frei für sie und sie lebten ihre Liebe im Verborgenen. Vor diesem Hintergrund erschien es mir beinahe unmöglich, dass N nicht einmal 24 Stunden später seine Frau werden sollte.

Am nächsten Morgen, dem 1. April, erwachte ich mit einem leichten Brummschädel – vielleicht war es doch nicht nur eine Flasche Wein gewesen. Beim Frühstück saßen N und ich uns gegenüber. „Heute ist der große Tag“, meinte ich. „Ja“, sagte sie, „dumm nur, dass ich gestern so viel getrunken habe.“ Wir mussten lachen – ein Kater passte zu diesem außergewöhnlichen Ereignis. Hochzeiten werden in Italien großgeschrieben und auf dem Weg zum Standesamt wurde sie ein paar Mal von Passanten angesprochen und beglückwünscht, Szenen, welche die Hochzeitsstimmung noch verstärkten. So begeistert Italiener von Hochzeiten sind, so nüchtern sind ihre standesamtlichen Trauungen. Während der Beamte das Ehegesetz vorlas und die Dolmetscherin übersetzte, ließ ich all die Jahre Revue passieren: Die Momente, in denen sie verzweifelt war, weil sie nicht als Paar auftreten konnten. Die Situationen, in denen sie glücklich war, weil sie eine Woche Urlaub gemeinsam verbrachten. Das Versteckspiel, das schrittweise Outing, sein Heiratsantrag, über den sie sich mehr als alles andere gefreut hatte, und schlussendlich sein öffentliches Bekenntnis zu ihr und damit die Entscheidung für ein Leben zu Zweit mit allem, was dazugehört. In meine Gedanken drang von der Ferne eine Stimme: „Das Brautpaar und die Zeugen mögen sich erheben.“ Anders als in Österreich sagen in Italien auch die Trauzeugen „Ja“ und mit meinem „Sì“ war es besiegelt. Auf dem Weg ins Lokal trafen wir auf eine Reisegruppe aus Österreich. Ein Mann begrüßte M von Weitem lautstark mit den Worten: „Da schau her, der Herr Hochwürden ist am Gardasee.“ M antwortete: „Du, das mit dem Herrn Hochwürden ist endgültig Geschichte.“ Er zog N an seine Seite, nahm ihre Hand und hielt sie hoch: „Wir haben nämlich gerade geheiratet und nein, das ist kein Aprilscherz.“ In diesem Moment fiel bei mir der Groschen und ich konnte es endlich glauben: Sie hatte den Mann ihrer Träume geheiratet und ich freute mich aus tiefstem Herzen, dass sich dieser Wunsch für sie erfüllt hatte und sie mit ihm nun als Ehepaar glücklich werden konnte.

© FlohL 13.09.2020

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