Liebe Autorin

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Liebe Autorin | story.one

„Das ist es! Da machst du mit!“ Meine Mitbewohnerin wedelte mit etwas in der Hand, als sie ohne anzuklopfen mein Zimmer betrat. Irritiert schaute ich sie an und sie gab mir ein Blatt. Es war die Ausschreibung eines Verlages für eine Anthologie persönlicher Erlebnisse. „Ich weiß nicht, ich habe doch nichts Besonderes zu erzählen.“ Ich wollte ihr den Zettel zurückgeben, aber sie wehrte ab. „Überleg‘ es dir! Du willst unbedingt schreiben und das wäre eine tolle Gelegenheit.“ Mit diesen Worten war sie wieder verschwunden und ich mit meinen Gedanken alleine. Natürlich wollte ich schreiben und veröffentlichen, aber war ich gut genug für diesen Verlag?

Die nächsten Tage waren geprägt von intensivem Nachdenken, Hadern und Abwägen; in meinem Kopf ging es düster zu. Dennoch blitzten in der Dunkelheit immer wieder mögliche Überschriften und Erlebnisse auf, die gut zum vorgeschriebenen Thema passen könnten. Schließlich siegte der Wunsch, eine Geschichte zu Papier zu bringen und ich begann zu schreiben. Mit jedem Wort, das aus meiner Feder kam, gewann ich an Sicherheit und der Nebel in meinem Kopf lichtete sich. Erinnerungen an positives Feedback, das meine Texte bis jetzt erhalten hatten, gaben mir Rückenwind, um durchzuhalten. Schließlich lagen 1600 wohl formulierte Wörter auf Papier gebannt vor mir, darauf wartend abgetippt, überarbeitet, lektoriert und – das Schwerste kommt zum Schluss – abgeschickt zu werden. Immer wieder ließ ich ein paar Tage verstreichen, las nochmal alles durch, tauschte Wörter aus und feilte an jedem einzelnen Detail. Man könnte auch sagen, ich prokrastinierte unter dem Deckmantel der Perfektion. Kurz vor dem Ablauf der Einreichfrist nahm ich meinen Mut zusammen und bat meine Mitbewohnerin um eine Rückmeldung zu meiner Erzählung. Sie war begeistert und bestand darauf, dass ich sie auf der Stelle abschicken sollte. Unsicher schaute ich sie an: „Ist sie wirklich gut genug?“ „Auf jeden Fall! Und wenn nicht, dann hast du es immerhin versucht. Wenn du sie nicht abschickst, wirst du nie erfahren, ob sie dich genommen hätten.“ Ihre Worte im Ohr setzte ich mich am gleichen Abend vor den PC. Da war sie, meine Geschichte im Anhang eines E-Mails an einen bekannten Verlag. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und als ich sie wieder öffnete, klickte ich auf „Senden“. Jetzt hieß es warten.

Nach mehreren Wochen ohne Antwort hatte ich die Hoffnung aufgegeben und das Kribbeln, das ich jedes Mal in der Magengegend spürte, wenn ich mein Postfach öffnete, war ebenfalls verflogen. „Die haben sicher bessere als mich, aber wenigstens absagen hätten sie können.“ Damit legte ich das Thema enttäuscht ad acta; bis zu jenem Donnerstag. Spätabends stieg ich in meinen Account ein und da war es: Das E-Mail vom Verlag. Plötzlich war das Kribbeln wieder da und mein Herz schlug schneller. Ich musste tief durchatmen, bevor ich es öffnete: „Liebe Autorin“, war da zu lesen, „vielen Dank … Sehr gerne nehmen wir Ihren Text in den Band auf!“

© FlohL 07.09.2020