skip to main content

#1sommer1buch#wirmachenmut#nurimsüden

Magic Moment

  • 344
Magic Moment | story.one

„Nein, bitte kein Regen!“, schoss es mir bei den ersten Tropfen durch den Kopf. „Hätte ich doch nur mein Handy an Bord gelassen. Und meine Schuhe werden auch nicht mehr trocken.“ Als Seglerin war es für mich während des Corona Lockdowns und der anschließenden Reisebeschränkungen eine Herausforderung gewesen, nicht ans Meer fahren und meiner Leidenschaft frönen zu können. Zudem hatte ich bereits einen Segelurlaub in der ersten Jahreshälfte stornieren müssen. Nun war ich endlich wieder am Wasser und wild entschlossen, alles in mich aufzusaugen und mit der Kamera festzuhalten. Nach einem ersten Segeltag mit perfektem Wind war ich zu diesem Lauf an Land aufgebrochen und wollte mein Telefon unbedingt mitnehmen aus Angst, einen Moment zu übersehen. Doch jetzt regnete es.

Schritt für Schritt lief ich trotzdem weiter – mein Bootstaxi würde mich erst in 50 Minuten abholen und wenn ich schon nass werden musste, dann konnte ich es wenigstens damit verbinden, mich fit zu halten. „Es wird alles gut werden.“ Weiter ging es, immer leicht aufwärts und auf den Scheitelpunkt der Insel. Ein traumhaftes Panorama eröffnete sich mir. Unter mir das weite Meer mit kleinen Inseln, Buchten und Muschelfarmen. Unweigerlich blieb ich stehen und genoss die Aussicht. Die leichte Anspannung begann von mir abzufallen und ich schüttelte den Kopf über meine Sorgen bezüglich der Schuhe und des Handys. „Ja, der Urlaub war wirklich bitter notwendig.“ Während ich meinen Lauf fortsetzte, sah ich links hinter einem Stein ein kleines Holzkreuz hervorblitzen. War es möglich? Ein Gipfelkreuz auf geschätzten 100 Metern Seehöhe? Das Bergsteigerinnenherz – meine zweite Leidenschaft – schlug höher und sofort suchte ich einen Weg dorthin. In einer Steinmauer war ein Durchgang und dahinter erkannte ich einen kleinen Pfad. Über lose Steine quer durch Wacholdersträucher stieg ich die letzten Meter auf den höchsten Punkt der Insel. Da stand es; der Ast, der die Querlatte bildete, war leicht schief mit Bast befestigt. Es war nicht perfekt, wie es in einem Steinhaufen steckte, doch genau das machte es umso schöner. Ich richtete mein Gesicht zum Himmel und atmete tief ein: Die Luft war erfüllt vom Geruch der Sträucher und dem Klima des Südens. „Einen Gipfelsieg auf einem Segeltörn hatte ich auch noch nie“, dachte ich mir und lächelte zufrieden. Dass es aufgehört hatte, zu regnen, fiel mir jetzt zum ersten Mal auf als ich meinen Blick langsam 360° über Inseln und Meer schweifen ließ. Und plötzlich schoben sich die Wolken auseinander und ich entdeckte ein „God’s Eye“ – eine Stelle in der Wolkendecke, die kreisförmig die Sonne durchließ und deren Strahlen als solche erkennbar einen kleinen Bereich erleuchten. So als ob Gott herunterschauen würde. Es war einfach unbeschreiblich und genial! Die Aussicht, der Gipfel mit seinem Kreuz, die Sonnenstrahlen, alles war wie für mich bestellt – ein wahrer Magic Moment.

Das Handy hatte ich nun doch nicht umsonst mitgenommen.


© FlohL 2020-09-01

wirmachenmutnurimsüden

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um FlohL einen Kommentar zu hinterlassen.