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#eigenartig

Merkens Ihna 303!

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Merkens Ihna 303! | story.one

16:40: Geschafft! Erleichtert betrete ich das Gebäude oder besser gesagt: Ich versuche, durch die Tür zu kommen. Vor mir stehen gefühlt 100 Leute. Gut, es sind nur 15; auf jeden Fall genug, um eventuell nicht vor 17 Uhr bedient zu werden. 17 Uhr ist die magische Zeit, zu der die Mitarbeiter pünktlich auf die Minute diese einzige Postfiliale in der Nähe schließen. Wer nicht drangekommen ist, hat Pech gehabt.

16:45: Den ersten Steher der Absperrung habe ich überwunden. Bleiben 4 weitere. Das wird knapp.

16:48: Warum hat mir denn der Paketzusteller keinen Zettel in den Postkasten geworfen? Leichter Ärger mischt sich unter mein nervöses Kribbeln in der Magengegend.

16:50: Bereits 3 Steher habe ich hinter mir, da sehe ich sie – die Schalterbeamtin meines persönlichen Albtraums: Unterirdisch motiviert, unfreundlich und nicht davor zurückscheuend, den Kunden ihre ganze Unzufriedenheit ins Gesicht zu schleudern.

16:52: Sogar mit 5 Kunden Abstand merke ich, dass die Beamtin – wie so oft um diese Zeit – „in Fahrt“ ist.

16:54: Gleich ist es geschafft; die ältere Dame vor mir möchte einen Brief aufgeben. Eigentlich eine schnelle Sache, doch beim Zahlen will das Kleingeld nicht so recht aus ihrem Börserl. „Könnens net weitertun?“ Genervt wirft sie der Seniorin ihren Frust entgegen. Ich wappne mich innerlich, habe ich doch den Supergau eines Kundenwunsches: ein Paket abholen, ohne Abholschein!

16:55: „Da Nächste!“ So höflich wie nur möglich bringe ich mein Anliegen vor, entschuldige mich prophylaktisch, um dem Donnerwetter zu entgehen, zeige mein Handy mit der Meldung der Post-App vor als sie lospoltert: „Immer muaß i die Föhla von di anderen korrigiern, de is heit scho des 10. Moi!“ Ich schalte auf Durchzug und versuche es mit einem Lächeln. Sie tippt etwas in den Computer und ich hoffe, dass es klappt. „Da müss ma zu die Abholstationen! Merkens Ihna 303 und kummans mit!“ Dem Befehl leiste ich kommentarlos Folge und trotte auf leisen Sohlen hinter ihr her. In Station A ist mein Paket nicht, also geht es unter lautem Fluchen weiter zu Station B. Glück gehabt! Fach 303 spuckt meinen ersehnten Karton aus. Wie ein Schutzschild halte ich ihn vor dem Körper und will Richtung Ausgang abbiegen. „Nix da, des müss ma jetzt am Schalter ausklarieren!“ „Was?“, entgeistert blicke ich sie an. In dem Moment kommt ein Paketzusteller mit einer neuen Ladung zur Tür herein. Im Vorbeigehen schmettert sie ihm ein „Warum legtsn ihr kane Zettel eini?“ entgegen, um dann den Türöffner mit einem Fußtritt von seinen Diensten zu befreien. Es ist bald 17 Uhr. Auf dem Weg zum Schalter mault sie für alle hörbar: „Wenn i heit no amoi zu die Abholstationen muaß, …!“

16:59: Mein Paket ist ausklariert, ich nehme es vom Tresen, klammere mich an ihm fest und trete den Rückzug an. Da schnappe ich die Worte des nächsten Kunden auf: „Es tut ma leid, aber i hab leider a kan Abholschein …“ Fluchtartig verlasse ich die Filiale und denke mir: „Es geht nichts über Menschen, die ihren Job lieben.“

© FlohL 2020-10-09

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