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Omama, was ist das Geheimnis?

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Omama, was ist das Geheimnis? | story.one

„Omama, wie macht man eigentlich Semmelschmarrn?“ Die Frage nach der Zubereitung meiner Lieblingsspeise geisterte schon lange durch meinen Kopf und manche Fragen sollte man stellen, solange man die Gelegenheit dazu hat. Ich schaute in ihr Gesicht und wartete auf die Antwort. „Warum kocht ihr nicht gemeinsam einen?“, warf meine Tante ein, als sie meiner Großmutter dabei half, sich aufzusetzen. „Ich weiß nicht, ob ich genug Kraft dafür habe“, kam es leise aus dem Mund der alten Frau. „Mutti, Floh erledigt alles, du brauchst nur zuzuschauen und anzusagen, was sie zu tun hat.“ „Ja, das ist eine gute Idee“, pflichtete ich ihr bei und meine Großmutter nickte stumm. Gemeinsam halfen wir ihr aus dem Bett in den Rollstuhl und brachten sie in die Küche, in ihr Refugium. Seit ihrem Schlaganfall konnte sie darin nicht mehr so schalten und walten, wie sie es gerne tun würde. Doch trug sie es – wie so viele Dinge in ihrem Leben – mit Fassung. Ratlos standen wir vor dem Küchentisch, unschlüssig, wo wir beginnen sollten. „Ihr müsst zuerst die Semmeln schneiden und Milch und Eier aus dem Keller holen!“, sagte sie mit erstaunlich fester Stimme und nachdem ich Semmeln, Messer und Scheidebrett auf den Tisch gelegt hatte, schnitt sie eine Semmel mit zittriger Hand in gleich große Scheiben. „So in etwa soll das aussehen.“ Während meine Tante ins Untergeschoss eilte, versuchte ich die Semmeln zu zerkleinern und musste feststellen, dass ich nicht annähernd so symmetrische Stücke hinbekam, wie die über 90-Jährige. Während sie mir zuschaute, schmunzelte sie, sagte aber kein Wort. Selten hatte sie mit mir geschimpft, war immer verständnisvoll und hatte ein offenes Ohr für meine Probleme. Was machte es für so jemanden schon aus, ob die Semmelstücke unterschiedlich groß waren? „Nun ein wenig salzen und daneben Eier und Milch im Häferl verquirlen.“ „Wie viel denn, Omama?“ „Das kommt darauf an, wie viel Hunger du hast. 2-3 Eier auf jeden Fall und ca. soviel Milch.“ Dabei zeigte sie auf eine Stelle am Häferl. Jetzt war ich diejenige, die schmunzeln musste, nämlich über die Mengenangabe. Sie kochte immer nach Gefühl und an der Stelle, wo im Rezept „150g Mehl“ stand, nahm sie 10 Löffel und eventuell einen halben dazu. Das machte ihre Küche aus und der ausgezeichnete Geschmack gab dieser Methode ein ums andere Mal recht. „Hast du alles verquirlt?“ Ich hielt ihr das Gefäß hin und sie schwenkte es. „Das sieht gut aus. Jetzt leerst du es gleichmäßig über die Semmeln und rührst gut um.“ Gesagt, getan. Ein paar Mal rührte ich um, bis ich das Gefühl hatte, alles vermischt zu haben. Als ich ihr die Schüssel zeigte, meinte sie, ohne hinzuschauen. „Das ist viel zu kurz. Merk dir: Wenn du glaubst, dass es genug ist, mach nochmal so lange weiter.“ Eine gefühlte Ewigkeit später prüfte sie die Konsistenz und war zufrieden. Die Masse war fertig und bereit für den Herd. Ich fragte sie: „Omama, was ist das Geheimnis des guten Geschmacks?“ Sie nahm meine Hand und sagte leise: „Die Liebe.“

© FlohL 2020-09-30

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