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Sehnsuchtsort

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Sehnsuchtsort | story.one

Eines schönen Oktobers zog es mich in die Ferne. In Österreich hatte gerade der Herbst Einzug gehalten und ich wollte dem Nebel entfliehen und so richtig die Seele baumeln lassen. Mein Ziel sollte weiter weg sein, aber nicht zu weit und das Wetter sollte vor allem eins sein: warm. Eine Challenge, wenn man sich den Gang ins Reisebüro ersparen möchte. Dennoch fühlte ich, dass es diesen Ort für mich gibt und begab mich auf die Suche. Alle möglichen Destinationen wurden mir von Freunden vorgeschlagen: Thailand, Tunesien, Türkei. All-inclusive-Urlaube waren nicht so meins und Thailand definitiv zu weit weg. Wohin also?

„Du, eine Bekannte von mir fliegt in der kühleren Jahreszeit gerne nach Gran Canaria“, meinte mein Alter Ego. „Gran Canaria? Schauplatz von Steffi Wergers ‘Flamenco Turistico’?“ Der Zweifel in meiner Stimmlage war nicht zu überhören. Dennoch geisterte mir dieser Vorschlag weiterhin im Kopf herum und ich beschloss, dem Inselchen eine Chance zu geben und es wenigstens auf google maps anzuschauen. Das Bild neben der Karte überzeugte mich nicht: Eine Hotelburg in einen Hang gebaut, davor ein stilisierter Fischerhafen. Für eine Auszeit im Herbst viel zu belebt. Ich zoomte aus der Karte heraus, um die Nachbarinseln zu entdecken. Mein Blick blieb im Nordosten hängen, „Lanzarote“ stand da. Ein wohlbekanntes Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus, demnach folgte ich der richtigen Spur. Sofort gab ich den Namen in die Suchmaschine ein und war von den Ergebnissen der Bildersuche fasziniert: Vulkanisches Gestein, rote Erde, schwarze Strände, tiefblaues Meer und keine Hotelburgen. Volltreffer! Das war meine Herbstdestination.

Bereits im Landeanflug konnte ich sehen, dass diese Insel etwas ganz Besonderes ist: Die Vegetation war spärlich (der geringe Niederschlag, die Wasserknappheit und der beständige Wind trugen das Ihre dazu bei) und mitten in der kargen Landschaft wirkten die erloschenen Vulkane wie Kegel, die willkürlich auf ein Spielfeld gesetzt wurden. Für mich war es ein wunderschönes Bild und als ich auf dem kleinen Flughafen quer übers Rollfeld ging, den Wind in meinen Haaren, spürte ich, dass ich „meine Insel“ gefunden hatte. Auf den ersten Blick wirkte sie schroff, abweisend und fast ein wenig unwirtlich, umgeben von den tosenden Wellen des Atlantiks. Auf den zweiten Blick jedoch, nachdem ich ihr und mir Zeit gegeben hatte, offenbarte sie ihre Schätze und zeigte mir etwa nach einem Regentag, wie viel Leben in ihr steckte. Darin sind wir uns ähnlich, die Insel und ich, und wahrscheinlich verstehen wir uns genau deshalb so gut.

Im Jahr 2020 ist es das erste Mal seit 7 Jahren, dass ich nicht dort sein und sie dabei beobachten kann, wie sie sich nach ein paar Regentropfen von einer schwarzen in eine grüne Insel verwandelt, oder auf ihren einsamen Stränden sitzen und schreiben kann. Ich merke wie ich diese Reise in den Süden, diese Auszeit zu mir selbst vermisse. Wie sehr, das hätte ich mir nie gedacht.

© FlohL 2020-10-22

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