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#1sommer1buch#meinehighlights

Sprachlos

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Sprachlos | story.one

„Was? Ehrlich? Habe ich das gerade wirklich bekommen?“ Staunend saß ich unter dem Christbaum, 2 Theaterkarten in der Hand und freute mich wie ein kleines Kind: Meine Lieblingsschauspielerin spielt mein Lieblingsstück! Sie war so etwas wie eine frühe Identifikationsfigur für mich, weil sie zu sich selbst stand und ihr Leben so lebte, wie es für sie gut war – unabhängig davon, was andere davon hielten. Selbstverständlich hatte ich ihre Bücher und auch viele der Serien und Filme gesehen, in denen sie mitwirkte. Das Fernsehen war das Medium, aus dem ich sie hauptsächlich kannte. Doch bald würde ich sie auf der Bühne sehen, live spielen sehen in diesem speziellen Stück. Es war einfach unglaublich!

Der Tag der Vorstellung kam und ich konnte kaum ruhig sitzen, so groß war meine Vorfreude. „Hoffentlich ist sie nicht krank geworden und hoffentlich kommen wir gut hin.“ Die eigenartigsten Gedanken spukten durch meinen Kopf, zu groß war die Angst, sie nicht zu sehen. In meiner Euphorie packte ich sogar ihr Buch ein und dachte mir: „Wer weiß, vielleicht ergibt sich nach der Vorstellung die Möglichkeit für ein Autogramm.“ Meine Begleitung schüttelte kaum merklich den Kopf und lächelte milde.

Balkon, erste Reihe war die Adresse unserer Sitzplätze und die Sicht auf die Bühne war perfekt. Das Stück begann und war traumhaft inszeniert. Was war ich dankbar für dieses Geschenk und als sie auf die Bühne trat, in einer Rolle, die sie in einem anderen Licht erscheinen ließ, ganz die Verführerin in Rot, da war es endgültig um mich geschehen und entgegen meiner Prinzipien zückte ich mein Handy und machte ein Foto. Dieser Moment musste einfach auf ein Bild.

Nachdem das Stück geendet hatte, schlenderte ich im Foyer herum in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Nichts passierte. So beschlossen meine Begleitung und ich die weite Heimreise anzutreten, die mit einer kleinen Reise zum etwas weiter entfernten Parkplatz begann. Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir zuerst ums halbe Theater herumgehen. Auf dem Weg lag – bisher unbemerkt – der Künstlereingang und gerade als wir daran vorbeigingen, öffnete sich die Tür und herauskam, lässig eine Zigarette rauchend, sie! Ich blieb augenblicklich stehen und riss die Augen auf, wohl um mich zu vergewissern, dass ich richtig gesehen hatte. Meine Begleitung reagierte geistesgegenwärtig und sprach sie an: „Frau Folkerts, dürfen wir Sie um ein Autogramm bitten?“ Und Frau Folkerts lächelte und antwortete ganz cool: „Ja, klar, habt ihr was zum Schreiben dabei?“ Ich war vorbereitet, bloß konnte ich mich nicht von der Stelle rühren und brachte kein Wort heraus. Auch nicht, als Frau Folkerts über die Stadt zu plaudern begann und fragte, wo man denn einen trinken gehen kann. Möglicherweise war das eine versteckte Einladung, aber ich stand immer noch da, wie zur Salzsäule erstarrt. Gott sei Dank waren wir zu zweit, sonst wäre das ein Stummfilm geworden, denn selbst nach der Verabschiedung war ich immer noch sprachlos.

© FlohL 2020-08-21

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