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Vor dem freien Fall

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Vor dem freien Fall | story.one

Die letzten Meter durch den Wald, ich spürte die Aufregung und wie aus dem Nichts stand er vor mir, der Baumstamm mit der Plattform am oberen Ende. In der Gruppe war es für einen Augenblick ruhig, wusste doch jeder, dass das der Moment war, in dem wir zeigen konnten, ob wir das Zeug zu Mentaltrainern hatten. Den ganzen Vormittag waren wir darauf vorbereitet worden, bloß genau gewusst hatten wir nicht, was auf uns zukam. Johannes, unser Trainer erklärte uns die Geschichte: Auf den Stamm klettern – sehend oder mit verbundenen Augen – sich auf die Plattform stellen und runterspringen. Ganz easy, oder? In Zweierteams konnten wir uns mental vorbereiten und uns gegenseitig instruieren, welche Art von Unterstützung wir brauchen, wenn wir nicht mehr weiterkönnen. Dann ging’s los.

Ich machte den Anfang und beschloss, aufs Ganze zu gehen und mir die Augen verbinden zu lassen. Die Spannung stieg und die meiner Nerven ebenso. In den Baumstamm waren Aufstiegshilfen geschlagen worden und Helga, meine Partnerin, sagte mir in aller Ruhe, wo der nächste Griff und wo der nächste Tritt zu finden waren. Mit der Zeit wurde ich sicherer, ertastete die herausstehenden Holzstifte und stieg Stift um Stift weiter. Die Augenbinde verhinderte nicht nur, dass ich den Weg sehen konnte, sondern auch wie hoch ich bereits war. Das konnte ich jedoch fühlen, nämlich an der sanften Bewegung des Stammes, die mit zunehmender Höhe stärker wurde. Einfacher wurde es dadurch nicht. Auch nicht, als sich die Abstände und die Richtung der Aufstiegshilfen änderten und Helga wieder mehr gefordert war, mich weiter zu lotsen. Es wurde zunehmend tricky: Weder hatte ich eine Ahnung, wie weit es noch war, noch, wohin ich greifen oder steigen sollte und dieses Ding bewegte sich. Im Geiste begann ich, mir gut zuzureden. Plötzlich sagte Helga: „Stopp! Direkt über dir ist die Plattform!“ Nächste Challenge: Wie besteigt man etwas, das leicht vorsteht und auf dem es nichts mehr zum Anhalten gibt? Die letzten Tritte meisterte ich mit Helgas Anleitung und hielt mich dabei an der Plattform fest. In dieser Position gelang es mir, mich auf dieses schmale Teil zu hocken. Der erste Teil war geschafft, jetzt brauchte ich nur noch aufzustehen. Bloß, es ging nicht. Es gab nichts zum Anhalten und der Baumstamm wackelte für mein Empfinden sehr stark. Helga rief mir mein Ruhebild vor Augen – eine lange, gerade Straße. Ich stellte mir vor, auf dieser Straße zu hocken und es sollte doch kein Problem sein, von einer ebenen Straße aufzustehen, selbst mit verbundenen Augen ist das eine leichte Sache. Tief durchatmen und nächster Versuch: Langsam aufstehen – es wackelt – doch, es geht – es wackelt – ich stehe nur von einer Straße auf – es wackelt – langsam weiter, gleich stehe ich gerade – es wackelt sehr…

„Wuhu! Du stehst!“ hörte ich Helga rufen. „Genieße den Moment!“ Das tat ich! Ich hatte es geschafft!

Das Runterspringen war kein Problem mehr; ich sah ohnehin nicht, wohin es ging und genoss den freien Fall.

© FlohL 20.08.2020

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