Wo der Weihnachtsmann wohnt

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Wo der Weihnachtsmann wohnt | story.one

Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann, aber wenn ich es täte, wo würde er wohnen? Angeblich hat er seinen Hauptwohnsitz im hohen Norden, um genauer zu sein am 66. Breitengrad, in Island. Bei einem Urlaub im Juli hatte ich in Reykjavik sein Büro entdeckt: Ein Geschäft mit Christbaumkugeln und einem großen Postkasten davor, in den man eine Postkarte mit seiner Adresse werfen konnte, wenn man ein kleines Geschenk vom isländischen Weihnachtsmann bekommen wollte. Ich wollte nichts von ihm haben, aber in mir setzte sich die Frage fest, wie es wohl wäre, zu Weihnachten in Island zu sein. Das Land hatte mich in seinen magischen Bann gezogen und Weihnachten war für mich seit Kindesbeinen an eines der magischsten Feste im Jahr, was war also naheliegender als einen magischen Supergau auszulösen? Ein paar Jahre träumte ich von weißen Weihnachten mit Nordlichtern in einer Blockhütte, bis ich in Keflavik wirklich aus dem Flughafengebäude trat. Allerdings war ich überrascht: Es hatte Plusgrade und war wärmer als in Österreich. Der Isländer, ein traditionelles Kleidungsstück aus Schafwolle, den ich bereits bei meiner letzten Reise gekauft hatte, erschien mir fast zu dick. Mein Blick ging nach links und rechts und etwas enttäuscht stellte ich fest, dass auch kein Schnee zu sehen war. Meinen Freunden hatte ich beinahe stolz erzählt, dass Island im Winter sehr wohl Sonnenstunden habe und dass die Temperaturen moderat seien. „Moderat ja, aber doch nicht warm! Für grüne Weihnachten hätte ich auch zu Hause bleiben können“, dachte ich bei mir, „vielleicht hätte ich dem alten Mann mit dem Rauschebart doch eine Postkarte hinterlassen sollen?“

Ganz meiner Vorstellung entsprechend hatte ich eine Blockhütte eine Autostunde von Reykjavik entfernt gemietet, in einem Dorf, das außer einer Tankstelle mit Kaffeehaus, einem Gemeindehaus und natürlich einem Schwimmbad (die Isländer lieben es bei 40° im Pool zu sitzen) nichts zu bieten hatte. Um mir lange Wege zu ersparen, kaufte ich noch in Reykjavik Lebensmittel für mehrere Tage ein. Ein kluger Schachzug, wie ich am nächsten Tag merkte, als ich die Augen aufschlug: Es war der 24. Dezember und es schneite! Vor lauter Freude sprang ich auf, zog mich an und trat vor die Tür, um gleich wieder am Absatz kehrt zu machen und ein paar Schichten Gewand nachzulegen. Die Temperaturen waren gefallen und ein eisiger Wind pfiff um die Hütte. Den kurzen Spaziergang ließ ich mir nicht nehmen, gehörte er doch zu Weihnachten. Wieder in meiner Blockhütte zündete ich ein paar Kerzen an und verkroch mich mit dicken Socken und bei hochgedrehter Heizung auf die Couch. Der mitgebrachte „Reisechristbaum“ mit stattlichen 10 Zentimetern Höhe stand am Fenstersims. Ein Schneesturm war aufgezogen und durch das Panoramafenster schaute ich den tanzenden Flocken zu und war glücklich – mein Traum war wahr geworden und so ganz sicher war ich mir nicht mehr, ob der Weihnachtsmann nicht doch in jeder einzelnen Flocke wohnte.

© FlohL 16.08.2020