Zusammen oder getrennt

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Zusammen oder getrennt | story.one

Ich stieg aus der Straßenbahn und bog in die Gasse ab, in der sie arbeitete, um sie zum Mittagessen abzuholen. Etwas sagte mir, dass es wohl das letzte gemeinsame werden würde. Die letzten Wochen hatten wir in trauter Zweisamkeit verbracht, ich immer in dem Glauben, die Einzige in ihrem Leben zu sein, bis sie mir schließlich sagte, dass sie in einer fixen Beziehung sei und ihr Freund sich gerade auf einer längeren Geschäftsreise befinde. Ein paar Tage zuvor war er – pünktlich zum Valentinstag – zurückgekommen. Während ich so dahinschlenderte, erinnerte ich mich an ihre Beteuerungen, sie wolle lieber mit mir zusammen sein und sie würde mit ihm reden. Obwohl ich hoffte, das möge stimmen, befürchtete ich, dass ich mit dem erfolgreichen Techniker nicht mithalten konnte. In der Ferne sah ich bereits das Gebäude und musste daran denken, wie ich sie in den letzten Wochen öfters abholt hatte. Es war eine schöne Zeit, wir waren uns schnell sehr nah gekommen und durchlebten in kurzer Zeit eine ganze Beziehung: Kino, Konzert, Kennenlernen der Freunde, Übernachtungsbesuche, romantische Abendessen. Es war perfekt oder besser gesagt: Es hätte perfekt sein können.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich zu früh war und so schwelgte ich weiter in Erinnerungen: Das erste Date fiel mir ein, ein Abend an dem die Zeit stehenblieb und gleichzeitig wie im Flug verging und der damit endete, dass wir an einer Haltestelle Walzer tanzten. Ein Lächeln huschte mir über die Lippen und ich schüttelte leicht den Kopf: „Wie verrückt wir doch waren…“

„Da bin ich“, hörte ich ihre Stimme hinter mir. Als ich mich umdrehte, konnte ich es bereits in ihren Augen sehen, ich wusste nur noch nicht, was sie mir genau sagen würde. Auf dem Weg ins Lokal plauderten wir über Belangloses – ihren Tag, meinen Tag, das Wetter. In dem gut-bürgerlichen Innenstadtgasthaus herrschte ein großer Andrang und so mussten wir uns mit zwei weiteren Gästen einen Tisch teilen. Kein Raum für ein ruhiges Gespräch. Auf dem Weg zum Salatbuffet fragte ich so beiläufig wie möglich, wie ihr Valentinstag gewesen sei und sie antwortete schlicht: „Schön.“ Wir standen schon in der Reihe an, als sie hinzufügte: „Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ Es dauerte eine Weile, bis ich die Fassung wiedererlangte. Währenddessen nahm ich gedankenverloren einen Teller vom Stapel. „Was hast du geantwortet?“ Sie hatte das Vorlegebesteck des grünen Salats in der Hand und während sie es an mich weiterreichte, sah sie mir in die Augen: „Ja.“ Beinahe fiel mir das Besteck aus der Hand, aber die Menschenschlange hinter meinem Rücken half mir, die Contenance zu bewahren. Das restliche Essen verlief schweigend. Mit vielem hatte ich gerechnet, aber damit nicht und ich stellte mir immer wieder die gleiche Frage: „Hat sie gerade am Salatbuffet mit mir Schluss gemacht?“ Die Antwort bekam ich, als wir darum baten, zu zahlen, und der Kellner ironischerweise wissen wollte: „Zusammen oder getrennt?“

© FlohL 17.08.2020