April im Erwin

Als Erwin an diesem Morgen wach wird, ist seine Stimmung genauso trüb wie das Wetter. Normalerweise hebt sich diese unmittelbar nach dem ersten Kaffee des Tages. Doch diesmal will das irgendwie nicht hinhauen.

In seinem Lehnstuhl sitzend, schaut er mit leerem Blick aus dem Fenster und führt einen lethargischen Dialog mit sich selbst.

Was könnt ich heute machen? - Keine Ahnung. - Worauf hab ich Lust? - Nix. - Auch gut.

So geht das scheinbar ewig dahin, während es draußen langsam zu regnen beginnt. Windböen peitschen den Regen, wie sich im Wind bauschende Vorhänge über die Landschaft.

"Eigentlich ein schönes Bild", denkt sich Erwin. Stumm schaut er dem Treiben zu, bis plötzlich sein Telefon läutet. Sein Freund Max möchte wissen, ob er kurz Zeit für einen raschen Kaffee hat, denn er ist gerade in der Umgebung unterwegs und würde beim Heimfahren kurz vorbeischauen.

"Na klar. Kein Problem", erwidert Erwin. Er legt auf und schaut auf die Uhr. Schon nach Zwölf. Er hat die Zeit komplett übersehen. Heute auch schon egal.

Als Max kommt, sieht dieser müde, aber sehr zufrieden aus. Er hatte einem gemeinsamen Freund beim Aufbauen einer Gartenhütte geholfen und sei jetzt fix und fertig.

So gab es dann statt dem verabredeten Kaffee, ein erfrischendes Bier.

"Komm, setzen wir uns auf den Balkon. Die Sonne kommt raus."

Tatsache. Max hat Recht. Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke.

"Hat's hier wirklich so viel geregnet? Bei uns hat den ganzen Vormittag die Sonne gestrahlt", stutz Max, während er die nasse Landschaft mustert.

Noch bevor Erwin antworten kann, gibt Max ein erklärendes "Der April macht wohl wirklich was er will" von sich.

Den Rest des Nachmittags scheint die Sonne, während die beiden Freunde auf dem Balkon sitzen, Bier trinken und über Gott, die Welt und den nächsten Ausflug quatschen. Ab nach Wien. Fussball schauen. Das wird sicher wieder richtig fein.

Erwins Stimmung hellt sich mit jeder Minute mehr auf, bis es in ihm keine Wolke mehr zu geben scheint.

Als es dunkel wird, steht Max auf und lächelt: "So. Ich muss nach Hause. Sonst krieg ich von meiner Holden noch eine auf den Deckel, weil ich wieder so spät nach Hause komme."

Die beiden Freunde umarmen sich zum Abschied und Erwin blickt Max nach, bis dieser mit dem Auto aus der Einfahrt raus ist.

Dann geht er wieder hinein, um eine Kleinigkeit zu essen. Danach wäscht er das bisschen Geschirr ab, das sich gesammelt hat und beschließt heute mal früher schlafen zu gehen. Das Bier und das Reden haben ihn ziemlich müde gemacht.

Als er sich beim Zähneputzen im Spiegel betrachtet, sieht er zufrieden aus. War doch noch ein guter Tag heute.

Im Bett liest er noch ein paar Seiten in einem Rimbaud Gedichtband, doch ihm fallen immer wieder die Augen zu. Also dreht er das Licht ab und kuschelt sich in die warme Decke.

Nach einiger Zeit beginnt es plötzlich wieder zu regnen.

"Aber Gott sei Dank nur draußen", denkt sich Erwin bevor er, mit einem Lächeln auf den Lippen, einschläft.

© Florian Hauenschild