Der Ausbruch

Victor war schon immer ein Eigenbrötler. Schon als Kind. Es fiel ihm einfach schwer Anschluss zu finden. In der Schule war er meistens allein. Zuhause saß er oft still in seinem Zimmer um zu lesen oder Computer zu spielen.

Die anderen Kinder hänselten Victor, weil er nicht Teil der Gruppe war. Deshalb fühlte er sich einsam und versuchte sich den anderen anzupassen. Doch je mehr er dies versuchte, desto mehr fühlte er sich von den Menschen entfernt.

Seine Eltern machten sich Sorgen um ihn. Doch sie verstand selbst nicht, was mit dem Jungen los war. Aus diesem Grund schickten sie ihn zu einem Psychiater. Und zur Überraschung aller sprach Victor mit diesem. Der Doktor war ebenso überrascht. Aber nicht davon, dass er sprach, sondern wie er es tat. Eloquent, geradlinig und überaus reif für sein Alter. Verblüfft und gebannt hörte er Victor zu, was er zu sagen hatte.

Eines Tages, nach einer Sitzung nahm ihn der Arzt noch einmal zur Seite und sagte ihm: "Du bist ein guter Erzähler, Victor. Mach was draus. Hast du es schon mal mit Schreiben probiert?"

Das hatte Victor nicht. Aber nach diesem Rat, setzte er sich noch am selben Abend an den kleinen Schreibtisch in seinem Zimmer und begann über das Erlebte de Tages zu schreiben. Zu seiner eignen Überraschung, fand er dies sehr entspannend. Anfangs lief es zwar noch holprig, aber mit der Zeit wurde sein Schreibfluss besser. So kam neben dem stundenlangen Lesen, nun auch stundenlanges Schreiben dazu. Geschichten. Gedichte. Alles was ihm einfiel.

Durch das Schreiben fühlte sich Victor nicht mehr einsam. Papier und Kugelschreiber waren gute Freunde. Geduldig, verständnisvoll und immer da, wenn man sie brauchte.

Doch das Beste war, dass er sich endlich öffnen konnte und erkannte, was die Welt zu bieten hatte. Es gab da doch noch etwas anderes als das Zimmer, den Schreibtisch, die Eltern und alles andere, an das er sich gewohnt hatte.

Er begann sich auch für Menschen zu interessieren. Auch wenn es ihm anfangs schwer fiel rauszugehen. Je öfter er aus seiner Komfortzone ausbrach, desto mehr Gefallen fand er daran. Oft saß er dann stundenlang an einer Bushaltestelle oder in einem Café und beobachtete das Treiben um sich herum. Wie viele Geschichten da an ihm vorbeizogen.

Seine Eltern machten sich wieder Sorgen. Sie fragten den Psychiater, ob ihr Sohn verrückt sei. Doch dieser bemerkte nur lächelnd: "Verrückt? Nein. Er ist nur mutig. Mutiger als wir alle. Denn er traut sich anders zu sein."

Irgendwann begann Victor zu reisen. Und wenn er wieder nach Hause kam, erzählte er seinen Eltern und mittlerweile gefunden Freunden, die Geschichten, die er mitgebracht hatte, nur um dann wieder zu verschwinden, um neue Geschichten zu suchen.

Im Moment sitzt Victor irgendwo, fernab der Heimat, im Schatten eines alten Kastanienbaums und kritzelt in sein Notizbuch. Wo er morgen sein wird? Vielleicht noch dort. Vielleicht ganz wo anders. Er weiß es noch nicht. Auf jeden Fall dort, wo eine neue Geschichte auf ihn wartet.

© Florian Hauenschild