Der, der immer lachte

Lange hatte ich nicht an dich denken müssen. Doch heute ist es so, als wäre es erst gestern gewesen.

Wir spielten Fußball, draußen vor meinem Elternhaus. Es war drückend heiß und wir schwitzten wie die Irren. Aber es machte Spaß. So wie fast alles mit dir Spaß gemacht hat. Danach saßen wir in der zertrampelten und ausgetrockneten Wiese, tranken kühles Bier und erzählten uns Geschichten, bei denen wir Tränen lachten. Ich erinnere mich noch, wie gut das tat.

Du hast mir von deinem Leben in Amerika erzählt und dass du dort eines Tages die Ranch deines Ziehvaters übernehmen wirst, wenn er sich hier in Österreich zur Ruhe setzt.

Du wolltest unbedingt, dass ich dich dort mal besuchen komme. Und ich hätte es wahrscheinlich getan.

Wir saßen bis spät in die Nacht hinein zusammen, um uns irgendeine Wrestling-Veranstaltung im Fernsehen anzusehen. Mit 17 Jahren darf man Wrestling noch cool finden. Wenn sich steroidaufgeblasene und glattrasierte Männer in abgesprochen Schaukämpfen gegenseitig durch den Ring warfen, war das damals das Größte. Der ideologisierte Kampf von Gut gegen Bösen. Mal gewannen die Guten. Dann freuten wir uns. Mal gewannen die Bösen. Dann ärgerten wir uns. Aber unterm Strich nie lange. Denn in der Woche darauf fanden schon die nächsten Kämpfe statt und das Gute hatte eine neue Chance um sich zu beweisen.

Es war alles so einfach.

Am nächsten Morgen als du gingst, hast du mir noch einmal zugewinkt und „Bis bald!“ gesagt. Es war das letzte Mal, dass ich dich sah.

Du warst wieder in Amerika. Ich ging zur Schule und zitterte mich durch das verbleibende Schuljahr. Am ersten Tag der Ferien beschloss ich die zweimonatige Freiheit mit einem Kinobesuch zu beginnen. Der neue Indiana Jones Film lief noch und ich wollte ihn unbedingt sehen.

Wieder war es der Kampf Gut gegen Böse. Und wie es sich für Indiana Jones gehört, gewann er den Kampf gegen die bösen Russen mit ihren finsteren Plänen.

Zufrieden kam ich nach Hause. Ich öffnete die Haustür und meine Mutter stand mit ernstem Blick im Vorhaus. Ohne mich zu grüßen, sagte sie mit leerer Stimme: „Mario hat in Amerika einen Autounfall gehabt.“

Sie brauchte gar nicht mehr zu sagen. Ich verstand, was geschehen war. Das Gute hatte in diesem Fall nicht gewonnen und bekam auch keine zweite Chance.

Zwei Wochen später war deine Beerdigung auf dem Friedhof in unserem Dorf. Deine Zieheltern wollten unbedingt, dass du hier begraben wirst, wo du eigentlich Zuhause warst.

Seit diesem Tag war ich nicht mehr an deinem Grab. Wahrscheinlich weil ich den Anblick nicht ertragen würde. Dieses kleine Grab mit dem großen Kreuz und all den unerfüllten Träumen und Möglichkeiten.

Wo ich diesen Text schreibe, steht dein Bild neben mir. Genauso, wie ich dich in Erinnerung habe. Als der Freund, der immer lachte.

© Florian Hauenschild