Die Freuden der 2. Klasse

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Die Freuden der 2. Klasse | story.one

Im Leben eines Hobbykickers kommt der Tag an dem man das Kindsein hinter sich lässt und erwachsen wird. So auch bei uns. Wir sind damals alt genug geworden, um aus den Jugendteams in die Reserve oder gar Kampfmannschaft aufzusteigen. Rauf zu den großen Jungs.

An diesem Tag kam unser Trainer in die Kabine und hielt uns Zeige- und Mittelfinger unter die Nase, wie Churchill persönlich. Denn von nun an ging es um Blut, Schweiß und Tränen. "Aber des steht ned fia Victory!", erklärte er uns, "des steht fia 2. Klasse Ybbstal!"

Die 2. Klasse Ybbstal. Die unterste Liga der Region, in der beinahe jedes umliegende Dorf mitspielt. Dementsprechend geht es auch auf den Plätzen zu, wenn sich Schlachtenbummler und Heimfans auf den Rängen treffen um ihre Lokalhelden anzufeuern.

Jahrelang war ich Teil dieses Treibens bis ich wegen der Matura aufgehört habe und seitdem nur mehr als Zuschauer zu den Matches gehe.

Zuschauen ist auch viel interessanter. Vor allem wenn am Vortag ein Festl oder eine andere Veranstaltung war. "Der Ball mein Freund" trifft an diesen Tagen eher selten zu. Aber das macht nichts. Schlussendlich geht es ja um den Spaß für die Kicker und Fans.

Viele erinnerungswürdige Momente, die sich auf den Krautackern des Ybbstals abgespielt haben. Mein prägendster Moment war, als ich damals mein erstes Tor geschossen habe. Das war im wunderschönen Wolfsbach. Meistens kam ich von der Bank, wenn ich überhaupt gespielt habe. Denn als 110 Kilo Konditionswunder, das ich damals war, waren die letzten 20 Minuten oft genug, um ein Sauerstoffzelt für mich zu organisieren.

Aber an eben diesen Tag in Wolfsbach waren zu wenige Spieler in der Reserve und so hieß es auch für mich von Beginn an ran. Und das über die volle Distanz. Glücklicherweise habe ich überlebt und noch dazu einen schönen Schuss ins lange Kreuzeck gezirkelt. Die Freude war, trotz der 1-5 Klatsche, riesengroß.

Oder die unzähligen Derbys zwischen meinem Heimatort Opponitz und dem Nachbardorf Hollenstein, wo ich jahrelang gespielt habe. Da können Grün-Weiß und die Violett einpacken. Wer glaubt Leidenschaft zu kennen, hat noch nie das berühmte Ybbstal Derby gesehen.

Aber auch abseits dieser Knaller gibt es immer wieder Schmankerl auf den Plätzen zu bewundern. So zum Beispiel wenn die alteingesessenen Anhänger vom Frühschoppen volley zum Match kommen und die anderen Zuschauer entsprechend mit "DES IS A HAMSPÜ!" oder "WO IS DE STIMMUNG?!?" anheizen. Solche Ultras hätte mancher Verein gerne.

Und am Ende bleibt trotzdem alles friedlich. Man gibt sich die Hand und sauft sich zamm. Denn am nächsten Tag wartet der Gegner aus dem Match schon als Kollege am Arbeitsplatz.

Also solltet ihr mal Zeit haben und das Schicksal euch ins Ybbstal verschlagen, dann haltet Ausschau nach dem örtlichen Fußballplatz. Ein Besuch lohnt sich. Fußball, Schmäh und Attraktionen warten auf sie. Aber ich warne gleich vor. Jugendfrei geht's meistens nicht zu.

In diesem Sinne, man sieht sich am Fußballplatz.

© Florian Hauenschild 20.11.2019