Die Perle des sechsten Bezirks

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Die Perle des sechsten Bezirks | story.one

Aktuell muss man sich als kulturaffiner Mensch ja mit einer massiven Durststrecke auseinandersetzen. Zwar spielen Künstler im Internet oder von Balkonen gratis für ihre Fans. Aber das Gelbe vom Ei ist das nicht wirklich. Nicht für die Künstler und auch nicht fürs Publikum. Live ist und bleibt halt immer live.

Und ich freue mich schon wieder sehr, wenn die Kulturbetriebe ihre Türen öffnen werden und man in den schönen Sälen und Hallen für 2-3 Stunden die Welt vergessen und sich im Glauben an etwas Höheres und Schöneres fallen lassen darf.

So zum Beispiel in meiner Lieblingslocation. Der Stadtsaal in Wien. Unzählige Male habe ich die 2-stündige Anreise aus meinem verschlafenen Wohnort in die Hauptstadt auf mich genommen um dort einzigartige Momente zu erleben.

So sah ich das letzte Programm des großartigen Kabarettisten Georg Schramm, der seine Sprachgewalt über 3 Stunden hinweg (ohne Pause) immer wieder neue Kronen aufsetzte. Mittlerweile hat er sich leider zur Ruhe gesetzte. Seine Stimme fehlt in den irren Zeiten in denen wir uns befinden. Aber ich konnte sie noch einmal hören. Und das war einfach nur gewaltig.

Oder zweimal den wunderbaren Rainald Grebe, der mit einem schwindelerregenden Tempo zwischen komplett Dada und sehr ernsten Themen herumspringt. Er wird wieder kommen und sich in Wien ans Klavier setzen und ich werde definitiv dabei sein, wenn es wieder heißt: "Kommt ihr Kind auch immer mit Speiseresten aus der Spülmaschine?"

Wen habe ich dort nicht alles gesehen. Den bissigen Politsatiriker Max Uthoff. Oder den Kabarettreverend Andreas Rebers, der über die Vorzüge eines großen, komplett verfliesten Zimmers philosophierte. Stichworte: ausziehen, mit Butter einreiben und ab die Post.

Ich habe dort mit Josef Hader gequatscht und ein Autogramm abgestaubt. Sein Geburtsort ist ja nicht so weit von meinem entfernt und wir sind drauf gekommen, wie klein die Welt nicht ist. Und in Wien scheint sie immer irgendwie zusammen zu kommen.

Im Stadtsaal habe ich mit Gunkl geraucht und ihm mehrmals versichert, dass ich nicht mit dem berühmten Schweizer Mathematiker Hauenschild verwandt bin. Ich und Mathe. Das geht mit keiner Verbindung zusammen.

Und natürlich einer der schönsten Momente überhaupt als ich Last Minute eine Karte für Molden/Resetartis/Soyka/Wirth ergattert habe und nach einem sagenhaft fantastischen Konzert noch ein Foto mit dem Quartett machen durfte.

Viele Erinnerungen hängen am Stadtsaal und ich hoffe, dass noch viele dazukommen, wenn sich der Virus vertschüsst und die Kultur wieder "Hallo" sagt.

Wenn es dann soweit ist, kann ich Ihnen nur empfehlen: "Gehen Sie auf der MaHü zu einem Würstelstand, kaufen Sie sich ein Bier und eine Eitrige und dann ab in den Stadtsaal!"

Denn dieser ist immer einen Besuch wert.

© Florian Hauenschild