Die Sprache Fußball

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Die Sprache Fußball | story.one

Vor knapp fünfzehn Jahren war ich das erste Mal in Spanien. Ein Geschenk meines Onkels zum Ogwandtn. Die erste Station war Madrid. In die Stadt meiner Helden des weißen Balletts. Raúl, Zidane, Figo, der echte Ronaldo... Das war die Zeit des galaktischen, aber auch jahrelang titellosen Real Madrids. So ein richtiger Leckerbissen war das Spiel, das wir damals besuchten, dann auch nicht. Madrid gewann staubtrocken 1-0 gegen Málaga, durch einen 30 Meter Gewaltroller von Roberto Carlos. Aber wen interessierte das schon? Das Bernabéu-Stadion, Flutlicht und meine Idole. Auch wenn es ein glanzloses Spiel war, so haben meine Augen gefunkelt wie zwei Sterne am Himmel.

Danach ging es von Madrid nach Córdoba. Nein, nicht unser "Hansi-Krankl-i-werd-narrisch-Córdoba", das in Argentinien liegt, sondern eine der Perlen Andalusiens. Mein Onkel hatte dort damals eine Wohnung, da er als Außendienstler beruflich viel in dieser Gegend unterwegs war. Dementsprechend hatte er auch viel zu tun. Meine mitgereisten Eltern und meine Tante waren jetzt nicht unbedingt das Nummer 1 Unterhaltungsprogramm. Also schnappte ich mir meinen Fußball und ging hinunter in den Innenhof der Anlage um ein bisschen zu kicken. Nach einiger Zeit kamen zwei Burschen auf mich zu und fragten mich etwas. Da ich damals aber keinen Fetzen Spanisch konnte, schüttelte ich nur den Kopf und sagte: "Sorry. Austria." Der kleinere von den beiden Jungs fragte mich dann: "Can we play?" Dabei deutete er auf den Ball. Ich nickte: "Yes."

Dann schrie er etwas durch den Hof. Aus dem Nichts drängten sich plötzlich überall Kinder aus den Türen, die den staubigen Boden aufwirbelten. Mannschaften wurden gebildet und dann ging's los. Der Innenhof verwandelte sich endgültig in einen Hexenkessel. Eltern und Großeltern beobachteten das Treiben aus den Fenstern und feuerten uns an, stundenlang, bis es Abend wurde. Dann pfiffen die Mütter ihre Kinder ins Haus und einer nach dem anderen verließ widerwillig das wilde Spiel.

Am Schluss blieben nur mehr der kleine Junge und ich übrig. Wir setzten uns keuchend in den Staub und unterhielten uns in gebrochenem Englisch. Er hieß Ramon und wir verstanden uns sofort blendend. Dann musste auch er rein. Bevor er aufstand, fragte Ramon noch: "Tomorrow again?"

"Of course!", lächelte ich.

Und so ging das dann jeden Tag bis wir wieder nach Hause flogen. Am letzten Tag vor unserer Abreise drückte mir Ramon eine kleine Schachtel in die Hand, bevor er mich umarmte und mit Tränen in den Augen "Adiós" zu mir sagte. In dem Schächtelchen befand sich ein wunderschöner Real Madrid Anhänger, der noch heute an meinen Autoschlüsseln hängt.

Jeden Tag wenn ich ihn sehe, muss ich an diese geilen Tage in Córdoba denken. Und auch daran, was für eine großartige Sprache der Fußball ist. Denn nur mit den paar Brocken Englisch hätten sich Ramon und ich nicht so gut verstanden, als wie mit dem Ball, der in diesen Tagen an unseren Füßen klebte.

© Florian Hauenschild