Die Taufe

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Die Taufe | story.one

Wenn ich heute darüber nachdenke, dass ich das wohl genialste Konzert, das ich jemals erlebt habe, beinahe versäumt habe, muss ich noch immer den Kopf schütteln. Nick Cave gastierte mit den Bad Seeds auf der Burg Clam. Und draußen fand gerade die Geschichte des Liedes "Tupelo" statt. Soll heißen, dass es aus Kübeln regnete und ich war unsicher ob ich hinfahren soll. Denn was, wenn das Konzert abgesagt wird?

Viel Blut schwitzen später entschied ich mich doch zu fahren und HURRA! Das Konzert fand statt. Ich war schon 3 Stunden vor Beginn dort, denn der geneigte Cave Jünger weiß, dass so etwas in der ersten Reihe erlebt werden muss.

Also saß ich im Gatsch und wartete. Wenigstens war's schön weich. Und plötzlich kamen aus dem Nichts die sphärischen Synthiklänge von Warren Ellis. Der Startschuss. Here we go!

Nick Cave sprengte auf die Bühne und stimmte "Jesus Alone" an. Wie wild lief er einmal quer über die Stage und dann über eine kleine Brücke auf den Steg vor den Fans. Sofort gingen dutzende Hände in die Höhe nur um eine Berührung des Meisters zu erheischen. Und trotz des "fucking daylight" war Nick richtig in Stimmung. Kein Zuschauer sollte ohne Berührung bleiben.

Dann kam er auf mich zu, legte seine Hand auf meine Stirn und starrte mir in die Augen. Dabei sang er: "You're a drug addict lying on your back, in a Tijuana hotel room."

Ich musste grinsen und auch dem sonst so finsteren Cave huschte ein Lächeln über die Lippen bevor er sich den anderen Konzertbesuchern zuwendete. Eine Frau neben mir zupfte mich am Ärmel. "Oida, jetzt bist tauft!", brüllte sie mir ins Ohr.

"Jetzt bist offiziell ein Bad Seed", huschte mir durch den Kopf. Getauft vom Godfather himself. Ja, Fans ticken anders.

Obwohl ich mit Drogen kaum Erfahrung habe, glaube ich nicht, dass auch nur irgendetwas so wirkt, wie es dieses Konzert tat. Ein dreistündiger Rausch aus Musik, Perfomance und Poesie. Ich war schon lange voll auf Nick Cave, aber dieses Konzert war der ultimative Schuss. Am Ende stürmten noch unzählige Fans die Bühne um mit Nick die Zugaben zu singen.

Als es viel zu früh vorbei war, ging ich mit der Frau neben mir zurück zu unseren Autos. Auf dem Weg dorthin versuchten wir uns gegenseitig mit Superlativen zu diesem Konzert zu überbieten. Aber es bedarf nicht vieler Worte. Es war einfach saugeil!

Zuhause klingelten meine Ohren noch immer und an Schlaf war nicht zu denken. Aber irgendwann fiel ich dann doch in Morpheus Arme und in meinen Träumen kamen mir sofort die Bilder wieder in den Sinn. Das passiert noch heute. So einen Eindruck hat diese Show bei mir hinterlassen.

Am nächsten Morgen blickte ich auf mein Handy. Mein Freund Johnny hatte mir ein Bild und dazu eine Nachricht geschickt: "Hawara, du bist bei FM4 auf der Titelseite!!!"

Als ich das Bild öffnete, musste ich laut auflachen und antworte: "Jo. Und tauft bin i a wordn!"

Den Schmäh hat er allerdings erst nach eingehender Erklärung kapiert.

Und mit diesen Erinnerungen freue ich mich schon heute auf die nächste Messe.

© Florian Hauenschild