Eine Nacht im Mai

Es war im Sommer 2016. Ich hatte mich spontan dazu entschlossen nach Madrid zu fliegen, um dort das Champions League Finale zwischen meinem Lieblingsteam Real Madrid und dem Stadtrivalen Atletico Madrid zu sehen.

Hinfliegen, eine Bar suchen und das Spiel unter genauso fußballverrückten Menschen sehen, wie ich einer war und es noch immer bin.

Ich kam spätabends am Tag vor dem Spiel in Madrid an. Müde vom Flug wollte ich nur noch im Hotel einchecken und mich in einem der vielen 24-Stunden-Shops mit dem Notwendigsten eindecken. Wasser, ein bisschen etwas zu essen und ein Päckchen Zigaretten.

Als ich alles gekauft hatte, dachte ich mir, dass ich einen kleinen Umweg zum Hotel nehmen könnte. Die Nacht war lau. Die Madrilenen streiften durch die Straßen. Jeder schien nur das Spiel im Kopf zu haben. Ich schnappte an allen Ecken und Enden Diskussionsfetzen auf. Wie die Mannschaften wohl spielen werden? Wird es Überraschungen geben? Wird es knapp oder eine klare Angelegenheit?

Ein Spiel hielt eine ganze Stadt in Atem.

Ich genoss die Stimmung. In einer Bar, in der sich hauptsächlich Real Madrid Anhänger befanden, bestellte ich mir ein Bier und lauschte weiter den angeregten Diskussionen, die ich von Zuhause nicht kannte.

Spanisch zu lernen war wohl eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen.

Als ich ausgetrunken hatte und die Müdigkeit die Überhand zu gewinnen begann, beschloss ich zum Hotel zurück zu gehen.

Laut Google Maps war der schnellste Weg durch eine Seitengasse. Sie war zwar wenig einladend, aber der Wunsch nach einem Bett war stärker.

Als ich sie halb durchschritten hatte, knurrte mich von der Seite ein Hund an. Ich erschrak. Ein Mann auf dem Boden beruhigte das struppige Tier. Der Mann, der auf einem Pappkarton saß, blickte mich mit freundlichen Augen an, als wollte er mir versichern, dass mir sein Hund nichts tun würde.

Ich lächelte die beiden an. Niemand sprach ein Wort. Der Hund begann an meiner Tasche zu schnuppern. Der Mann fauchte seinen Hund an und entschuldigte sich bei mir.

Zuerst verstand ich nicht. Aber dann war mir klar, was der Hund gewittert hatte. Ich kramte die beiden Schinkenbrote aus der Tasche, die ich gekauft hatte und drückte sie dem Mann in die Hand. Erst wollte er sie nicht annehmen. Aber der Hund hatte diese schon fest im Blick und sabberte auf den Karton.

Dann packte der Mann eines der Brote aus, gab dem Hund den Schinken und kaute selbst am trockenen Brot herum. Ich gab ihnen noch eine Flasche Wasser.

Der Hund schmatzte zufrieden. Der Mann blickte mich mit feuchten Augen an und schenkte mir das strahlendste zahnlose Lächeln, das man sich vorstellen kann.

„Gracias“, stammelte er hervor.

„De nada“, entgegnete ich und ging müde zum Hotel zurück.

Auf dem Zimmer hörte ich eine Zufallsplaylist. Plötzlich die vertraute Stimme des Falken: „Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Haben Sie das schon erlebt?"

Und ich dachte mir nur: „Hombre. Du warst nie in Madrid."

© Florian Hauenschild