Gestern waren sie noch Freunde

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Gestern waren sie noch Freunde | story.one

Paul sitzt am Fenster seiner kleinen Wohnung und blickt auf die Straße hinunter. Trotz des strömenden Regens laufen ein paar Passanten hin und her, um die letzten Einkäufe vor dem Wochenende zu besorgen.

Doch das interessiert ihn eigentlich gar nicht. In seinem Kopf drehen sich alle Gedanken nur um Daniel. Daniel war sein Freund. Schon von klein auf. Sie gingen miteinander durch sämtliche Schulstufen und nach der Matura gemeinsam nach Wien um zu studieren. Egal wo ein Event oder Party stattfand, immer kamen sie gemeinsam. Aber das ist jetzt aus. Daniel ist gestern ausgezogen und hat die Freundschaft gekündigt. „Mit so einer linkslinken Bazille möchte ich nichts mehr zu tun haben!“, hatte er gesagt. Dabei hatten sich die beiden nie etwas aus Politik gemacht. Sie haben zwar über aktuelle Themen wie Zuwanderung oder die Klimaerwärmung diskutiert und sich dabei auch mal gestritten, wenn ein Bier zu viel im Spiel war. Aber nie so, dass man sagen hätte können, die beiden wären zerstritten. Und dann plötzlich sowas.

Mit leerem Blick fragt sich Paul, wie es so weit kommen konnte, doch egal wie oft er die Fragen in seinem Kopf wiederholt, er findet keine Antworten. Kommt diese plötzliche Wandlung vielleicht von von seinen Studienkollegen, die ihn mehrmals zu ihren berüchtigten Veranstaltungen eingeladen hatten, um dort mit ihm ein bisschen zu diskutieren? Je mehr Paul darüber nachgrübelt, desto unverständlicher wird ihm die Geschichte. Auch die Frage nach dem "Wie?". Wie kann man als eigentlich bester Freund nur so kalt sein? Der Ton. Die Wortwahl. Linkslinke Bazille. Woher kommt das?

Weil er sich damals offen für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hat? Weil er es eine Schande findet, wenn ein reiches Land keinen Platz für Menschen hat, die vor einem Krieg fliehen müssen, bei dem dieses reiche Land sogar noch Gewinn macht? Weil er die immer stärker werdenden extremistischen Tendenzen besorgniserregend findet, egal von welcher Seite? Oder weil er diese unglaubliche Menge an „Einzelfällen“, und wie damit umgegangen wird, ekelhaft findet? Man vertuscht lieber den Einzelfall, als das große Problem dahinter anzugehen. Und dann wundert man sich, dass diese Ideologie wieder wie eine Krebserkrankung zu wuchern beginnt.

Ist man heute eine linke Bazille, wenn man sich einen Funken Menschlichkeit bewahrt hat? Die Gedanken gehen mit ihm durch. Sein Kopf beginnt weh zu tun. Es wird ihm zu viel. Alles dreht sich. Langsam schlurft er zum Bett und lässt sich der Länge nach hineinfallen. Das permanente „Warum?“ weiter in seinem Kopf. Warum wollen Menschen noch immer die Gesellschaft trennen? Und warum fallen andere Menschen noch immer darauf rein? Warum glauben sie jeden Blödsinn? Warum haben wir nicht aus der Vergangenheit gelernt? Warum?

Paul dreht sich auf den Rücken. Heiße Tränen tropfen von seinen Schläfen auf den Polster, während draußen weiter kalter Regen fällt und ein Mann, ein Wahlplakat an die Hauswand klebt.

© Florian Hauenschild