Glück

Caroline sitzt in der Küche. Wieder einmal in Gedanken versunken, während sich draußen im Schnee, Finken und Meisen lautstark um das Vogelfutter streiten. Doch sie hört das Treiben gar nicht.

In ihrem Kopf dreht sich die immergleiche Frage wie ein Brummkreisel: „Was soll nur aus dem Buben werden?“

Der Bub, den sie meint, ist ihr Sohn Philipp. Sechzehn Jahre. Autist mit unmöglicher sozialer Anpassungsfähigkeit. Der Psychiater hatte damals zwar gemeint, dass es laut Diagnose eine schwere Anpassungsfähigkeit sei. Aber auch nur, weil die psychologische Medizin das Wort Unmöglich nicht kennt.

Sie wundert sich noch heute, dass er die Sonderschule halbwegs glimpflich überstanden hat. Sie musste zwar mehrmals kommen, um ihren komplett hysterischen Jungen von der Schule zu holen. Aber es gab auch Tage, an denen er nach Hause kam und ihr freudestrahlend erzählte, dass es diesmal schön bei den vielen anderen Menschen war. Freunde kannte er nicht.

Es hatte auch sein Gutes, dass der Junge die Welt um sich herum nicht erfasste. Als sein Vater damals davon gelaufen war, weil er es nicht mehr aushielt, ließ er sich nichts anmerken. Er saß nur eines Morgens beim Frühstück und fragte, ob der Mann wiederkommen würde, der normalerweise neben ihm saß.

Caroline redet sich oft ein, dass ihr Sohn sie liebt. Sicher sein kann sie allerdings nicht.

Sie starrt in ihren schwach dampfenden Kaffee.

Währenddessen kniet Philipp in seinem Zimmer auf vier Quadratmeter Papier, dass er gedankenverloren mit Buntstiften und Wasserfarben bemalt. Malen war alles. Wenn seine Mutter ihn nicht ab und zu rufen oder zum Essen holen würde, würde er wohl irgendwann vor Erschöpfung über seiner bunten Welt zusammenbrechen und einfach liegen bleiben.

Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Wenn man nur seine Bewegungen beachten würde, dann würde man glauben, dass es sich hier um ein zielloses Geschmiere handelt. Wer allerdings die Bilder von ihm sieht, würde es nicht für möglich halten. Farbgebung und Präzision in Vollendung. Mancher Profikünstler müsste vor Neid blass werden.

Hier noch ein Strich. Hier noch ein Tupfen grüne Farbe. Da das Blau noch verwischen.

Dann steht Philipp auf und brüllt aus vollem Hals: „FERTIG!“

Aus ihrem Gedankenkreisel gerissen, stürmt Caroline in Philipps Zimmer.

Da steht ihr lächelnder Junge, von oben bis unten voller Farbe, auf einem riesigen Sonnenuntergang. Während auf dem Bild die Sonne untergeht, geht dieselbige in ihr auf.

Ein seltener Moment vollkommenen Glücks.

Caroline, Philipp und die Sonne strahlen um die Wette, an diesem sonst so trüben Wintertag.

Sie geht auf ihren Sohn zu und schließt ihn in die Arme. Auch wenn Caroline nicht weiß, was aus Philipp einmal werden soll. So lange die Welt in ihm so schön bleibt, wird am Ende schon alles gut werden.

© Florian Hauenschild