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Knapp vorbei

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Knapp vorbei | story.one

Es gibt einen Satz, der mich mein Leben lang schon verfolgt. Ich habe ihn tausende Male gehört. Von meinen Eltern, Großeltern, Lehrern, Freunden, Kollegen und Vorgesetzten. Oft denke ich, dass es sich bei diesem Satz um mein heimliches Lebensmotto handelt.

Knapp vorbei ist auch daneben.

Wenn ich jedes Mal, wenn ich diesen Satz gehört habe, einen Euro bekommen hätte, würde ich keinen Job brauchen und hätte trotzdem eine Villa in den Alpen.

Doch ich muss zugeben, dass ich nicht frei von Sünde bin. Denn was das Kind hört, wird es auch selber sagen. So ist dieser unsägliche Satz auch in meinem Sprachgebrauch tief verankert.

So zum Beispiel am Mittwoch. Letzter Tag eines dreitägigen Seminars in Wien. Noch dazu mein Geburtstag. So viel Lernen. So viele Nachrichten zu beantworten. Als es zu Ende ist, surrt mein Hirn wie ein Trafo. Ich will nur mehr raus, endlich Richtung Theater. Zum Nino. Zum Ernst. Hauptsache weg von hier.

Also pack ich meine Tasche, verabschiede mich von jedem und eile zur Busstation vor dem Hotel. Und siehe da, ein Bus ist da. Aber der Zebrastreifen so weit weg. Einfach über die Straße laufen geht nicht, außer ich möchte als Straßenbelag enden.

Ich hetze über den Zebrastreifen und Richtung Bus. Die Türen schließen sich. Als ich vor dem Bus stehe, fährt dieser ab. Was ich mir dann, neben einigen nicht jugendfreien Wörtern, gedacht habe, könnt ihr euch wahrscheinlich selber zusammenreimen.

Nichtsdestotrotz komme ich rechtzeitig am Spittelberg an. Sogar ein Abendessen ist noch drin. Nach drei Tagen Seminar endlich mal den Kopf frei bekommen.

Dann das Konzert, wie erwartet, spitze. Zwei Männer. Zwei Gitarren. Großartige Lieder. Was will man mehr?

Nach dem Vorstellung verlasse ich zufrieden das Theater und mache mich auf Richtung Westbahnhof und folgerichtig nach Hause in mein schönes, ruhiges Irgendwo im Nirgendwo.

Am nächsten Tag stehe ich erst mittags auf. Mein Vater hat Spaghetti gekocht. Mein Neffe schaut nach der Arbeit vorbei. Ich werde beglückwünscht und beschenkt. "Endlich wieder Zuhause", denke ich mir.

Irgendwann checke ich meine Mails und sehe, dass mir Stella eine Nachricht geschickt hat. Ich blicke auf Story.One und lese ihre Nachricht. Sie will wissen, ob ich beim Konzert vom Nino aus Wien und Ernst Molden war.

"Ja", schreibe ich ihr zurück, "warst du leicht auch?"

Es dauert nicht lange, da bekomme ich schon die Antwort. Sie war auch. Und Flaco auch. Sie haben sich schon gedacht, dass ich es war, der da in der ersten Reihe gesessen hat. Aber sicher waren sie sich nicht und ansprechen haben sie sich daher nicht getraut.

Jetzt muss mann wissen, dass ich und Stella erst vor eine Woche geschrieben haben, ob wir uns nicht mal in Wien treffen wollen, da wir uns gegenseitig für unsere Storys sehr schätzen.

Ich muss lachen und denke mir dennoch: "Wie schade, dass sie nichts gesagt haben!"

Aber ja, knapp vorbei ist eben... eh schon wissen.

© Florian Hauenschild 11.10.2019

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