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„Ich werde vom Schnaps immer so unheimlich dumm“, kicherte sie verlegen, während sie beschwipst in ihr halbleeres Cognacglas blickte.

„Aber das kommt daher, dass ich eigentlich nie trinke und heute wohl zu viel erwischt habe.“

Sie lächelte und strich sich eine Locke aus der Stirn: „Es ist aber auch selten, dass ich einen so netten Mann, wie sie, kennen lerne.“

Wieder kicherte sie und nippte an dem scharfen Cognac.

„Ich komme ohnehin nur noch selten raus. Seit mich mein Ex verlassen hat, bin ich mehr im Büro als Zuhause. Und wenn ich mal Zuhause bin, bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe.“

Ihr Blick wurde plötzlich ernster: „Auch wenn das teilweise doch sehr einsam ist, bin ich glücklicher, als vorher. Es hätte ja sowieso nicht ewig gehalten.“

Sie nahm einen weiteren Schluck. „Ich glaube auch, dass er seine Neue schon hatte, als er noch mit mir zusammen war. Und das, nach allem, was ich für diese Sau getan hab.“

Einzelne Tränen liefen ihr übers Gesicht.

„Aber ist ja auch egal. Das Einzige was wirklich zählt ist das Hier und Jetzt. Finden Sie nicht auch?“

Sie blickte auf. Wo sie zwei verständnisvolle Männeraugen erwartete, war allerdings nur die fleckige Küchenwand. Es dauerte ein wenig, bis sie realisierte, dass sie nicht in einer Bar, sondern an ihrem unaufgeräumten Küchentisch saß.

Seit sie schleichend die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum verloren hatte, passierte ihr solche Blackouts öfter.

Sie schniefte und trank den Rest des Cognacs. Wankend begab sie sich ins Bad, wo sie sich im Spiegel betrachtete. Das dünner werdende Haar. Die dicker werdenden Ränder unter den glasigen Augen, die blutunterlaufen in einer verzerrten Grimasse steckten.

Es regte sich kein Gefühl in ihr. Auch nicht, als sie das wilde Gemisch aus Rotwein und Cognac ins Waschbecken kotzte. Sie spülte die Suppe einfach den Ausguss hinunter, trank ein Glas Wasser und torkelte ins Schlafzimmer.

Sie ließ sich der Länge nach in das große Doppelbett fallen. Schwer keuchend starrte sie in die undurchdringliche Finsternis. Draußen ging der Mond langsam auf, aber sie bemerkte es nicht.

Sie starrte nur vor sich hin, bis sich ihre Augen irgendwann schlossen und sie in einen traumlosen Schlaf fiel.

© Florian Hauenschild