Liebe auf den ersten Kick

Über meinem Schreibtisch hängen zwei Zitate. Das erste ist "Nulla dies sine linea", was so viel heißen soll wie "Kein Tag ohne Zeile." Meine Motivation zum Schreiben.

Gleich darunter hängt ein ebenso philosophischer Satz: "Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag." Recht hat er, der Ernst Happel.

Fußball ist mehr als Brot und Spiele. Ein gewagte These in Zeiten in denen ein wahnsinniger Transfer dem anderen folgt und Unsummen an Geld fließen. Gerade als eingefleischter Real Madrid Fan, wie ich einer bin, sollte man bei solchen Diskussionen nicht zu viel Aufhebens machen. Da gibt es nichts zu gewinnen. Für andere große Vereine aber auch nicht mehr.

Aber so weiß das Blut in meinen Adern auch ist, gepumpt wird es von einem blau-gelben Herzen.

Als vor einigen Jahren mein Großvater starb und wir nach der Beerdigung zusammensaßen, kamen wir irgendwie auf das Thema Fußball. Ich fragte meinen Vater, ob Opa einen Lieblingsverein hatte. Papa lachte und meinte, dass er dem "Viennal" immer die Daumen drückte und wegen ihnen auch nie beim Toto gewann, weil sie meistens verloren.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was dieses "Viennal" war. Also suchte ich im Internet und wurde auch gleich fündig. Der First Vienna FC. Ältester Fußballverein Österreichs. Spielt in Liga 2. Heimsitz Hohe Warte in Wien. Nächster Termin, ein Heimspiel gegen Altach. Da fahr ich hin!

Gesagt, getan. Am Freitag nach der Arbeit fuhr ich nach Amstetten, rein in den Zug und ab nach Wien.

Als ich auf der Hohen Warte ankam, überraschte mich die Atmosphäre. Kaum Polizei. Keine Böller. Keine Schmähgesänge. Keine vermummten Personen. Stattdessen offene, freundliche Menschen, spielende Kinder und Dudelsackmusik. So geht Fußball auch.

Da noch genug Zeit war, kaufte ich mir ein Bier und eine Käsekrainer. Noch bevor ich einen Platz suchen musste, lud mich ein älterer, aber sichtlich jung gebliebener Herr an seinen Stehtisch ein. Ich nahm dankend an und aus ihm sprudelte es gleich heraus: "Also wenn die heut so spielen, wie gegen Kapfenberg letzte Wochn, dann krieg i an Infarkt. Zwa Tor in den letztn Minuten. Afoch oag!"

Leicht beschämt, musste ich zugeben, dass die Partie gegen Altach meine erste war und erzählte ihm meine Geschichte von Opa, "Viennal", Toto, 2 Stunden Anreise usw.

Der Mann blickte mich kopfschüttelnd an: "Wer tut sich sowas an?"

Bevor es ins Stadion ging und sich unsere Wege trennten, klopfte er mir noch auf die Schulter: "Viel Spaß. Entweder kommst nimmer oder nachher immer."

Und er sollte Recht behalten. Das Match war ein spannender 2-1 Sieg für die Vienna. Was mir aber noch mehr in Erinnerung bleibt und mich bei jedem Match wieder freut, sind die Offenheit, die Freude, der Humor, der Optimismus und die Menschlichkeit, die auf der Hohen Warte herrschen, auch wenn es mal gar nicht gut läuft für die Mannschaft.

In diesem Verein haben Hass, Rassismus, Sexismus und jede andere Form der Ausgrenzung, keinen Platz.

Und dafür liebe ich die Vienna.

© Florian Hauenschild