Meine Oma, Roman Koudelka und ich

Ich bin nicht als großer Wintersportfan bekannt. Aber Skispringen und besonders Skifliegen üben auf mich eine unglaubliche Faszination aus. Die Eleganz. Der Wagemut. Das Feilschen um jeden Meter in einer absoluten Extremsituation. Das ist schon ganz großes Kino.

Meine Oma sah das genauso. Deswegen bin ich früher oft an einem Sonntagnachmittag in die festen Winterstiefel geschlüpft und habe den Weg zu meiner Großmutter angetreten, die ungefähr 3 Kilometer von mir entfernt, mit meiner Tante und ihrer Familie in einem Haus wohnte.

Pünktlich zum ersten Durchgang tauchte ich im Wohnzimmer auf und überraschte meine Oma, die mich, halb Fernseher, halb Enkel im Blickfeld, begrüßte.

Dann gab es zwei Optionen. Wenn mein Onkel Zuhause war, hörte man keine fünf Minuten später schwere Schritte und ein vertrautes Klirren über die alte Holzstiege kommen. Dann stand er mit einem Sechser-Tragerl Bier in Omas Wohnzimmer, grüßte überschwänglich und schaute sich mit uns das Springen an.

Wenn er sich allerdings auf Reisen befand, hüpfte Oma, überaus agil für ihr Alter, auf und fütterte den ach so armen Enkel, der den weiten Weg durch Schnee und Eis auf sich genommen hatte, mit Gugelhupf und Lindekaffee bis dieser nicht mehr „Papp“ sagen konnte.

Oma hatte eigentlich keinen Lieblingsspringer. Sie mochte alle gleich gern. Vielleicht mit einer leichten Präferenz für Noriaki Kasai, weil der „alte Dodl“, wie sie liebevoll nannte, noch immer glaubte, dass er mit den jungen Hüpfern mithalten müsse. Das imponierte ihr.

Es gab dafür einen Springer, der ihr überhaupt nicht zum Gesicht stand. Der Tscheche Roman Koudelka, dessen Markenzeichen es ist, die Zunge beim Sprung beziehungsweise Flug weit aus dem offenen Mund zu strecken und diese erst kurz bevor er landete wieder einzuziehen, um sie sich nicht abzubeißen.

Das regte meine Großmutter jedes Mal unheimlich auf.

„Das man so blöd schauen kann!“ oder „Irgendwann beißt er sich seinen Lecker ab und dann findet er ihn im Schnee nimmer!“ sind nur zwei von Omas oft deftigen Analysen.

Ich kann mich noch erinnern, dass Koudelka einmal ein Springen gewann. Als der vor Freude strahlende Tscheche auf das Podest stieg, platzte meine Oma: „So blöd schauen und dann auch noch gewinnen! Eine Watschn hätten wir früher bekommen!“

Es war immer ein Spaß mit ihr Sport zu schauen.

2017 ist meine Oma leider von uns gegangen. Es ist also die zweite Skisprungsaison, die ich mir ohne ihr anschauen muss. Und obwohl ich sie wirklich sehr vermisse, muss ich doch immer lachen, wenn Roman Koudelka in Superzeitlupe durch die Luft segelt, die Zunge im Wind und die Oma in meinem Ohr noch immer schimpft: „Also wirklich! So deppert dreinschauen!“

© Florian Hauenschild