Paul entdeckt das Jetzt

Paul Leiter ist Mitglied des Aufsichtsrats eines großen Unternehmens. Der Job ist fordernd, aber gut bezahlt. Er hat eine Frau, zwei Kinder und einen Hund. Viele Menschen beneiden ihn für sein Leben. Doch er findet es nicht so toll. Denn obwohl er ausgesorgt hat, fehlt ihm doch ein elementarer Teil in seinem Leben. Zumindest glaubt er das.

Aus diesem Grund trifft er sich seit mehreren Monaten mit dem Psychiater Dr. Phillip Gut, um zu eruieren, was sein Leben bereichern könnte, damit dieses leere Gefühl in ihm endlich verschwindet.

Dr. Gut, oder Phil Gut, wie ihn seine Freunde nennen, verzweifelt schön langsam an seinem Patienten. Egal welche Tipps er ihm gibt, nichts scheint zu helfen. Phil weiß auch woran es hapert, aber er kann nichts tun. Wenn ein Patient nicht lernen will, kann man machen was man will. Ein Stein bleibt ein Stein und wird sich auch nicht bewegen, außer man tritt ihn. Und Patienten treten, ist halt nicht erlaubt.

Paul, oder Pauli, wie ihn seine Freunde nennen würden, wenn er welche hätte, fühlt sich trotzdem besser, seit er sich mit Dr. Gut trifft. Bei ihm kann er über andere Dinge als Quartalszahlen und Forecasts sprechen. Dennoch weiß er, dass es irgendwie nicht vorangeht.

Bei der letzten Sitzung meinte er, dass er sich zwar leichter fühle, aber er dennoch noch nicht das Gefühl in sich hat, dass er gerne hätte. Wenn er nur wüsste, was es ist.

Dr. Gut hatte, nach vielen mehr oder weniger komplexen Vorschlägen, eine Idee. Er blickte aus dem Fenster und meinte, dass heute der optimale Tag für eine Spaziergang entlang der Donaulände wäre.

Paul stutzte, doch Phil ermutigte ihn, statt eines Taxis, lieber die eigenen Füße zu benutzen.

Obwohl Paul der Gedanke komplett hirnrissig vorkam, ließ er sich darauf ein. Er googelte die Strecke von der Praxis nach Hause und setzte sich in Bewegung.

Entlang der Donau herrschte reges Treiben. Der gerade beginnende Sommer brachte angenehme Temperaturen, die langsam untergehende Sonne glitzerte im Fluss, Kinder spielten Fußball in der Wiese. Was nach einem normalen Sommertag klingt, war für Paul eine Erlebniswelt. Wie lange hatte er das nicht mehr gesehen? Er wusste es selbst nicht.

Die letzten Jahre war er mehr in Sitzungsräumen als Zuhause. Die Welt da draußen kannte er nur mehr aus Erzählungen, Zeitungen und Nachrichten.

Doch in Wirklichkeit war da vieles anders und es überwältigte ihn. Als er an einer kleinen Bank vorbeikam, setzte er sich hin und ließ alles auf sich wirken. Die Wärme der Sonne. Das Rauschen des Wassers. Der leichte Wind auf der Haut.

Dann griff Paul in die Tasche seines Jacketts und schaltete das erste Mal seit Jahren sein Smartphone aus.

Er musste an seine Frau und seine Kinder denken. Er hatte sie in letzter Zeit ganz schön vernachlässigt. Zeit, dass sie wieder etwas gemeinsam unternehmen.

Paul saß noch lange auf der Bank und dachte über viele Dinge nach. Und mit der Zeit merkte er, dass das leere Gefühl in ihm zu verschwinden begann und dass er ein glücklicher Mensch ist.

© Florian Hauenschild