Plaisir d‘Amour

Wenn in Brüssel die Adventszeit anbricht, verwandelt sich die sonst so graue Stadt, in eine Metropole von einzigartig romantischer Schönheit. Die alles überstrahlende Weihnachtsbeleuchtung lässt den nassen Asphalt funkeln, als wäre dieser mit lauter kleinen Diamanten besetzt.

Überall sieht junge und alte Paare, eng umschlungen durch die Straßen schlendern. Sie trinken Kaffee oder Tee aus Bechern und schmatzen an zuckersüßen Waffeln.

Vor dem Opernhaus am Place de la Monnaie wird zu dieser Zeit, sofern es die Temperaturen erlauben, jedes Jahr ein großer Eislaufplatz errichtet. Mit seinen bunten Lichtern und der Discomusik wird er zu einem unübersehbaren Punkt für Touristen aus allen Herren Ländern.

Etwas abseits des wilden Getümmels steht Annette jeden Abend mit ihrem dicken Liederbuch und singt den Vorbeigehenden und Schaulustigen, Lieder und Chansons aus ihrem breiten Repertoire. Sie hat das Singen immer schon geliebt. Oft muss sie darüber nachdenken, ob sie etwas anderes jemals so lieben könnte. Sie hat darauf bis heute wohl keine Antwort gefunden.

Es ist ihr auch egal, wenn sich nach einem Abend mal gar kein Euro in der alten Kaffeedose vor ihr findet. Singen zu können, das ist für sie unbezahlbar.

Zum Abschluss eines jeden Abends singt sie ihr Lieblingslied. So auch an diesem Tag im November. Sie schließt die Augen, nimmt einen tiefen Zug von der klaren Luft und beginnt:

„Plaisir d‘Amour“

Und wie jeden Abend wird alles still. Die Menschen um sie herum sprechen nicht mehr. Sie bewegen sich nicht mehr. Sie lösen sich einfach im Luft auf. Sie sind nicht mehr da. Auch der Eislaufplatz mit seinen Lichtern und der dröhnenden Musik ist ganz weit weg.

Nur sie allein, der fallende Schnee und dieses Lied.

Und ein junger Mann in einer schwarzen Lederjacke, der sie mit leuchtenden Augen betrachtet. Für ihn ist sie ein Engel aus einer anderen Welt. Ein Wesen, wie er es noch nie gesehen und gehört hat. Diese glasklare Stimme. Die langen blonden Haare, die im Schein der Lichter zu leuchten scheinen.

Kein Zweifel. So müssen Engel sein.

Wenn sie fertig sein wird, wird er sie ansprechen und unsicher auf einen Kaffee einladen. Annette wird mit ihm gehen. Sie werden ins Café Opera gehen, einen Kaffee trinken und kein Wort miteinander sprechen, weil er nie französisch gelernt hat und sie zu schüchtern ist, um Englisch zu sprechen.

Aber das macht nichts. Es ist ja bereits alles gesagt. Sie werden auseinander gehen und sich wahrscheinlich nie wieder sehen, aber dennoch immer verbunden sein. Durch das stärkste Band von allen.

Plaisir d‘Amour.

© Florian Hauenschild