Preisschnapsen

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Preisschnapsen | story.one

Ein gemütlicher Samstagabend. Mein Onkel, Papa und ich. Gutes Bier, gute Zigarren und gute Geschichten. Je länger der Abend dauert, desto besser schmeckt das Bier. Dementsprechend werden auch die Geschichten lustiger. Da ich mich für den Gemeinderat breitschlagen lassen habe, werden hauptsächlich Geschichten über das verschlafene Fischerdorf erzählt, in dem wir alle liebend gerne leben.

So zum Beispiel ein Erlebnis meines Vaters. Mitte der unkomplizierten 70er Jahre spielte mein Vater beim prestigeträchtigen Preisschnapsen des örtlichen Wirten mit. Die Verlierer zahlten die Schnitzel, die Gewinner den Umtrunk. Simple as that. Das Turnier lief gut. So auch für meinen Vater. Denn am Ende des Turniers fand er sich bei denen, die das im ehrlichen Butterschmalz herausgebackene Schnitzel gratis bekamen, wieder. Ein feuchtfröhlicher Abend an dem die Karten durch die Luft sausten wie Herbstlaub, zwa Diere a Viere und ein Vierzger mit Ausweis an der Tagesordnung waren, Hauptsache da Schneider wurde vermieden. Der wichtigste Stich war nicht der bei den Kellnerinnen, sondern der am Turniertisch.

Papa vermeidete alles Üble. Kartenglück und Können, mehr brauchts beim Schnapsen nicht. Noch heute kriegen wir in familiärerer Runde oft links und rechts die Bummerl, wenn wir mit dem Alten Bauernschnapsen.

Aber zurück in die 70er Jahre im Mostviertel. Die Schnitzel werden serviert und die Sieger genießen die glorreiche Beute. Alle, bis auf einen. Denn der Horst sitzt traurig vor seiner Trophäe und lutscht doch nur am Bier herum. Karl, einer der nicht so erfolgreichen Kartendippler, schaut ihn an und fragt: "Heast Horst, wos is? Kaan Hunger?" Horst schaut in an und zeigt ihm ein zahnloses Grinsen: "I woa bei Pfaunoapft. I kriag mei Bieff erft nächfte Woffa!"

No Gebiss, no Party. Beziehungsweise no Schnitzel. "Armer Horst!", denkt sich der Karl. Aber er hatte auch eine Lösung parat. "Du, do waß i wos!", grinste er bevor er sich in den Mund griff und sein Gebiss herausholte. Die rundherum sitzenden Schnapser staunten nicht schlecht. Horsts Augen begannen zu funkeln. Mit einem schnellen Griff schnappte er sich die Beißer, spülte sie im Bier ab und steckte sie sich in den Mund. Nach einigem hin und her schmatzte er: "Des duats scho!"

Und das war der Abend, an dem zwei Menschen mit einem Gebiss ihre Schnitzel verspeisten. Während mein Vater und mein Onkel Tränen lachen, sitze ich daneben und blicke meinen Vater fassungslos an. Als sie sich langsam wieder fangen, blickt Papa in meine Richtung: "Na, wos is denn? Du bist so bleich um die Nosn." Ich blicke ihn nur fragend an: "Du woast beim Preisschnopsen?"

Darauf brechen wir alle in Gelächter aus. Ja damals, da waren die Zeiten vielleicht nicht besser. Aber definitiv nicht so kompliziert wie heute.

© Florian Hauenschild 09.11.2019