Tschick

Ich sitze bei einem Gedicht, aber nichts geht weiter. Nichts will sich reimen. Der Rhythmus passt auch nicht. Alles fürn Arsch.

Mein Kopf raucht und ich gleich auch. Aber warum eigentlich? Wie oft habe ich mir jetzt vorgenommen mit dem Rauchen aufzuhören?

Ich zähle es schon gar nicht mehr.

Die Spirit geht fein würzig über die Zunge in die Lunge und als zwei ästhetische Rauchsäulen durch die Nasenlöcher raus.

Verfluchte Raucherei!

Man braucht mir nicht erzählen, wie schädlich und teuer der Blödsinn ist. Weiß ich alles. Aber trotzdem steckt irgendetwas in diesen weißen Giftröllchen, das mich nach vorne haut.

Zwei Zigaretten später stinken meine Fingerkuppen wie verbrannter Mist, aber voilá, das Gedicht ist fertig. Reimt gut. Klingt gut.

Ich sinniere dahin. Vielleicht fällt mir noch was ein und heiz mir noch eine Tschick an. Weil's eh schon wurscht ist.

Während ich so da sitz, nagt schon wieder das Gewissen: "Warum tust du das? Brauchst du die Sargnägel wirklich?"

Der Rauch bildet einen Nebel in meinem Schädl. Ich denk an die Konsequenzen. Krebs. Man stinkt. Die selbst gewählte Versklavung. Die Förderung einer todbringenden Industrie. Und erst das ganze Geld, das im wahrsten Sinne des Wortes verbrannt wird. Wie deppert bin ich eigentlich?

Auf der anderen Seite gibt's doch so viele Typen, die quarzen wie die Schlote und trotzdem alt werden oder geworden sind. Karl Merkatz. Helmut Schmidt. Oder Harry Dean Stanton. Der ist erst vor kurzer Zeit gestorben. Hollywoods markantestes Gesicht. Laut eigener Aussage hat er 75 Jahre, jeden Tag geraucht, bevor er mit 91 in die Kiste gehüpft ist.

Meine Gedanken schweifen um.

Mein Neffe Julian ist jetzt schon seit über einer Woche rauchfrei. Und das nach einem Eineinhalb-Packerl-am-Tag-Konsum. Hätt' ich ihm nicht zugetraut. Jetzt schmatzt er zwar an diesen grauslichen Snus-Klumpat herum. Aber immerhin. Keine Penetration der Lunge mehr.

Und erst meine Idole Nick Cave und Tom Waits. Beide jahrelang gebofelt als gäb's kein Morgen mehr. Und jetzt? Jahrzehntelang rauchfrei und trotzdem cool.

Vielleicht wär's wirklich Zeit aufzuhören bevor noch irgendwelche Probleme kommen. Noch krieg ich halbwegs gut Luft und zähle die Zigaretten in Stück, nicht in Schachteln.

Wenns nicht so beschissen schwer wäre.

Ich hör auf zu sinnieren. Bringt nix. Ich dämpfe aus. Das Packerl ist leer.

Eigentlich ein guter Zeitpunkt für einen Schlussstrich.

Ob ich es durchhalte? Fortgehen ohne Tschick? Schreiben ohne Tschick? Sinnieren ohne Tschick? Stadion ohne Tschick?

Pfuuuh!

Der Mensch ist schon ein grausliches Gewohnheitstier.

Zumindest werde ich mir morgen kein Packerl kaufen. Das ist ja schon mal ein Anfang.

In meiner Musikliste beginnt ein Opfer des Tabakkonsums mit einem meiner Lieblingslieder. Georg Danzer raunt ins Mikrofon:

"Zah ausse die Dreia und gib ma a Feia, i brauch a Spü."

Unten geht die Türe auf. Papa setzt sich zur allabendlichen "Krummen" auf die Terrasse.

Na, das fängt ja gut an!

© Florian Hauenschild