Zwei Zigaretten

Georg klang nervös, als er mich heute angerufen hatte. Eigentlich war er immer so ruhig und besonnen. Doch heute stammelte er nur ein kurzes: „Muss dich heute sehen. Um 3 Uhr im Café Streicher?“ ins Telefon und legte, nach meiner Zusage, grußlos auf.

Ich kam früher als vereinbart. Nachdem ich eingetreten war, sah ich ihn sofort. Mit gesenktem Kopf saß er an einem Tisch für 2 Personen, eine Tasse Kaffee vor sich. In den 6 Jahren, die wir zusammen waren, hatte ich ihn noch nie so gesehen. Er bemerkte mich erst, als ich mich setzte und ihn fragte, was den los sei. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und schüttelte den Kopf. Ich kramte meine Zigaretten aus der Tasche hervor und steckte mir eine an. Die Kellnerin kam und ich bestellte eine Tasse Tee.

Dann saßen wir schweigend da. Er hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein einziges Mal in die Augen gesehen. Verdutzt wollte ihn noch einmal fragen, was denn los sei. Aber ich wartete noch bis mein Tee serviert wurde.

Als die Bedienung ihn vor mir abgestellt hatte und sich schon umgedreht hatte, um zu gehen, blickte ihr Georg nach. Als sie hinter der Theke verschwunden war, begann er zu reden: „Maria. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll. Aber es ist aus. Ich kann nicht mehr. Ich brauche endlich wieder Freiheit. Ich hoffe du verstehst das.“

Schweigend nahm ich einen tiefen Zug von meiner Zigarette und nippte dann an meinem Tee. Währenddessen sprach Georg weiter: „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mehr lieben würde. Verstehst du? Es war wirklich schön mit dir. Die gemeinsamen Abende und alles. Aber ich brauche wieder Zeit für mich. Ich will noch so viele Dinge machen. Ich bin jetzt 29. Die Zeit bleibt für mich ja auch nicht stehen.“

Er sah mich an und lächelte verkrampft. Ich lächelte nicht, sondern dämpfte meine Zigarette aus, steckte mir noch eine an, inhalierte tief und stieß den Rauch durch die Nasenlöcher aus. Er blickte abrupt weg und trank den Rest seines Kaffees. In die leere Tasse blickend, sagte er: „Ich kann mir vorstellen, dass du enttäuscht bist. Es fällt mir ja auch nicht leicht. Das kannst du mir glauben. Ich meine, 6 Jahre sind ja auch nicht nichts. Hoffentlich können wir Freunde bleiben und mal etwas zusammen unternehmen.“

Er starrte weiter in die Tasse. Dann holte das Portemonnaie aus seiner Gesäßtasche hervor und legte 5 Euro neben die leere Tasse. Während er aufstand, flüsterte er noch ein leises Lebwohl und eilte dann zum Ausgang.

Ich blickte ihm nach, bis er bei der Tür hinaus war. Ich dämpfte die Zigarette aus und trank den Rest meines Tees. Gott sei Dank hatte er mir die Qual abgenommen. Denn früher oder später wäre ich ihm gegenüber gesessen und hätte diesen Zirkus aufführen müssen.

Ich nahm meine Geldbörse aus der Handtasche und legte ebenfalls 5 Euro neben meine leere Tasse. Beim Hinausgehen grüßte ich die Kellnerin, die uns bedient hatte. Als ich bei der Tür hinaus war, begann es sanft zu schneien und ich ging mit einem ungewohnt leichten Gefühl nach Hause.

© Florian Hauenschild