Gänsehaut bei mehr als 30 °C

Freitag für Freitag füllt sich die Al Muttanabbi Straße mit tausenden Menschen. Am Tag des Freitagsgebets ist in der Straße nahe der Altstadt von Bagdad der Tag des großen Büchermarkts. Die vielen Buchläden der beliebtesten Straße von Bagdad verkaufen dann ihre Ware auf offener Straße. Und ich war mittendrin.

Zusammen mit dem jungen irakischen TV-Journalisten Hasan Jaffar und seinem Kameramann Ahmed Fadil bin ich dort. Nach einiger Zeit des Bücher Stöberns sind wir in ein Cafe abgebogen. Im Cafe angekommen, stellte mich Hasan einigen Philosophiestudenten der Universität Bagdad vor. Sie waren zusammen mit ihrem Professor dort.

Wir haben im wahrsten Sinne über Gott und die Welt gesprochen und sind nach kurzer Zeit auf ein gemeinsames Thema gestoßen: Das Zusammenleben der Menschen auf dieser Welt.

Wie schön wäre es, könnten wir ohne Rücksicht auf Dinge wie Herkunft, Aussehen oder Religion ganz einfach nur leben. Und andere einfach annehmen wie sie sind. Während unseres Gesprächs bei irakischem Tee konnte ich sie in Richtung eines einzigartigen Projekts führen. Dieses zeigt, wie simpel Zusammenarbeit und Zusammenleben mit gegenseitigem Respekt funktionieren kann. Meine Erzählung handelte von der Rekonstruktion der ältesten Harfe in der Menschheitsgeschichte. Die GOLDENE LYRA VON UR. Übrigens: Der Tee im kleinen Glas schmeckte hervorragend.

Diese Stierkopfleier ist vor rund 4.700 Jahren im Zweistromland gebaut worden. Von den Sumerern für ihre Königin Pu-Abi. Die Königin selbst hat sie gespielt. Als es mit ihrem Leben zu Ende ging, hat sie die Lyra in die Totenkammer mitgenommen. Begleitet von ihrem Hofstaat. Viele Jahrhunderte später - konkret in den späten 1920ern - lag sie plötzlich dem britischen Archäologen Sir Leonard Charles Woolley zu Füßen. Er war für das British Museum und die Universität Pennsylvania zu Ausgrabungen in der ehemaligen Königsstadt Ur - übrigens die Heimatstadt des Propheten Abraham. Die Bedeutung seines Fundes (auch Agatha Christie war dabei) dürfte ihm erst später bewusst geworden sein.

Mehr als 90 Jahre nach diesem Fund arbeiten vier Handwerker an der möglichst originalgetreuen Rekonstruktion dieser Lyra. Aus der Arbeit eines Tiroler Harfenbauers wurde eine weltumspannende Idee. Nach Fertigstellung (und im Anschluss an eine große Museumstournee) soll die Lyra als Geschenk ins Irakische Nationalmuseum zurückkehren. Dort wurde sie bei den Plünderungen im April 2003 völlig zerstört. Mit ihr auch wertvolles Kulturgut aus der Wiege der Zivilisation. Dieses Projekt ist eine Friedensbotschaft an die gesamte Welt.

Als die Studenten und ihr Professor von diesem interkulturellen Friedensprojekt von Menschen außserhalb ihres Landes erfuhren, strahlten ihre Augen. Und der Verfasser dieser Zeilen hatte Gänsehaut. Bei mehr als 30°C im Schatten.

© Florian Warum