Von wegen Hüttenruhe

Im Normalfall gilt in Schutzhütten ab 22 Uhr Hüttenruhe. Nichts davon wissen wollte man kürzlich im "höchsten Haus Berlins in den Zillertaler Alpen". Und zwar aus gutem Grund.

Die Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins (DAV) durfte auf 2.042 m Seehöhe runde Geburtstage feiern. Den der Gründung des DAV, den der Sektionsgründung und jenen der Hütteneinweihung. Auf Initiative der Sektion Zillertal des Österreichischen Alpenvereins (OeAV) fand aus diesen Gründen in der "Berliner Hütte" ein Ball statt. Es war auf den Tag genau 140 Jahre nach Eröffnung der Hütte.

Schon untertags waren viele der gut 200 Gäste von Breitlahner aus am Weg in den Zemmgrund. Traumhaftes Sommerwetter ließ viele den Nachmittag auf der Terrasse oder beim Schwarzsee verbringen. Abgesehen von den anwesenden Berlinern hatte ein Teilnehmer die wohl längste "Anreise". Er kam vom Südtiroler Ahrntal aus kommend über die Schwarzensteinhütte und den Schwarzenstein zum Festabend. Zu Fuß wohlgemerkt. Am Abend gab es Feinstes aus Küche und Keller. Jede und jeder wusste eigene Geschichten zur Berliner Hütte zu erzählen. Die "Tiroler Tanzlmusik", die "Ofenbankmusik" und die "Rotofenmusig" aus dem Berchtesgadener Land sorgten für angenehme Unterhaltung. Viele schwangen das Tanzbein. Dass in diesem Fall mit Hüttenruhe um 22 Uhr nichts zu machen war, ist somit mehr als verständlich.

Die Gründer des DAV und die Mitglieder der Sektion Berlin erkannten die Zeichen der Zeit. Sie reagierten auf die immer stärker werdende Bedeutung des Alpinismus. Sommerfrische in den Bergen war die Fernreise von heute. Der Bau von Schutzhütten in den Alpen war logische Folge. Welche Mühen die Verantwortlichen von damals auf sich genommen haben, und mit welchem Enthusiasmus sie ans Werk gingen, verdient höchsten Respekt. Kaum jemand würde im Zeitalter modernster Technik Baumaterial für den Bau einer Hütte einzig mithilfe der eigenen Kraft vom Tal aus nach oben transportieren. Baumeister Kajetan Hotter aus Mayrhofen ließ genau das tun. Er wusste ganz genau, welches Holz er für den Bau wann schlagen musste. Er wusste auch, auf welche Handwerker er sich während der Arbeiten auf über 2000 Metern verlassen konnte. Alles brachten viel Herzblut in den Bau dieses "Grandhotels" in den Bergen ein.

Es war übrigens jene Hütte, die als erste überhaupt in Österreich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Wer die Hütte betritt und die geschnitzten Luster bestaunt, kann es verstehen. Ebenso, wenn man im Speisesaal (der Empfangshalle des damaligen Berliner Hauptbahnhofs nachempfunden) oder im Damensalon Platz nimmt. Oder wenn man in die Zimmer und Lager geht. Die Stufen dorthin sind mit rotem Teppich ausgelegt.

Eingebettet am Fuße von Horn- und Waxegg-Gletscher steht die Berliner Hütte majestätisch auf der Schwarzensteinalm. Ein Sonnenaufgang in dieser Umgebung toppt alles noch einmal. Also, auf die nächsten Jahre.

© Florian Warum