Neben, vor und hinter mir

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Neben, vor und hinter mir | story.one

Es war ein heißer Tag im Auto. Obwohl ich die einzigartige Chance hatte, per Helikopter aufs Jungfraujoch zu gelangen. Stattdessen kann ich von Glück reden, überhaupt mein Ziel erreicht zu haben.

Den 15. Juli 2013 werde ich wohl nie mehr vergessen. Einige der weltbesten Paragleiter sind mit ihren Fluggeräten dem überlegen führenden Schweizer Chrigel Maurer nachgejagt. Ich war am Weg zu jenem Fotografen, mit dem ich im Team über den sportlichen Boden-Luft-Kampf für eine Agentur berichtete. Er war bereits einige Kilometer Luftlinie voraus in den französischen Alpen. Meine Wenigkeit machte sich kurz nach dem Frühstück von Interlaken aus auf den Weg ins Fürstentum Monaco.

Vom Berner Oberland aus kommend, hielt ich im Wallis nochmal an. Zum Füße vertreten und für einen kleinen Einkauf. Marillen, pardon Aprikosen. Für die Fahrt. Wie gesagt, es war ein heißer Tag. Die Temperaturen machten mir nichts aus. Irgendwann kurz nach Mittags stellte sich allerdings eine merkbare Müdigkeit ein. Vermutlich auch wegen der langweiligen Geraden auf der italienischen Autobahn. Neben, vor und hinter mir waren Autos Mangelware. Vergeblich hielt ich Ausschau nach Raststätten und Rastplätzen. Na ja, und auf den Pannenstreifen wollte ich mich auch nicht hinstellen.

Die Konzentration auf das Fahren, das angestrengte Suchen nach Rastmöglichkeiten und die Monotonie des Straßenverlaufs vermischten sich zu einem folgenreichen Cocktail. Mit einem Mal war ein lauter Knall zu hören.

Auf einen Schlag war ich putzmunter. Neben mir, vor mir und hinter mir waren weit und breit keine Autos zu sehen. Dafür blickte ich auf eine Wand mit einem Verkehrsschild. Es war die Wand eines Tunnelportals, mit dem ich Sekundenbruchteile zuvor Bekanntschaft gemacht hatte. Geistesgegenwärtig riss ich das Lenkrad an mich. Mit verminderter Geschwindigkeit konnte ich gegenlenken. Und noch immer waren neben, vor und hinter mir keine Fahrzeuge. Kurz danach kam anstelle der Dunkelheit des Autobahntunnels wieder das grelle Tageslicht. Langsam rollte ich mit meinem Wagen auf der rechten Spur weiter. Dann traute ich meinen Augen nicht: Da war ein Schild mit dem Hinweis "Autogrill" in 1.000 m. So sehr habe ich mich wohl noch nie auf einen schnellen Espresso gefreut.

Das Aussteigen aus dem Auto war ob zitternder Knie kaum möglich. Von Müdigkeit war keine Spur mehr. An schlafen war nicht mehr zu denken. Während andere - wie etwa die Paragleiter am Weg von Salzburg an den Strand von Monte Carlo - andere "Kicks" für den täglichen Adrenalinschub bevorzugen, waren es in meinem Fall nicht mal wenige Augenblicke in meinem Auto. Diese genügten für meine Portion Adrenalin.

Dennoch konnte ich eine gute Stunde schlafen. Nach einigen Liegestützen, Espressi und Energy Drinks führte mich mein Weg weiter ins Fürstentum an der Cote d' Azur. Hätte ich die Einladung zum Helikopterflug angenommen, dann wäre der 15. Juli 2013 nicht mein zweiter Geburtstag. Ich hab viel Glück gehabt.

© Florian Warum 24.06.2019