Ein Schichtarbeiter packt aus...

  • 105
Ein Schichtarbeiter packt aus... | story.one

Mein Name ist Christian. Ich heiße wirklich so. Und das ist meine Geschichte. Ich bin froh, dass ich so alt bin wie ich alt bin und so viel Wahrheit erfahren darf in meinem Leben wie ich erfahre. Ich bin kein Rennfahrer und auch kein Astronaut. Ich bin kein Blumenhändler und kein Trafikant. Ich bin schlicht und ergreifend ein Schichtarbeiter, ein Schichtarbeiter meines Lichts. Was soll das jetzt heißen? Ich schätze ja meine Sozialarbeiterin sehr, und viel mehr die kuriosen Gespräche mit ihr, mit dem vielen Humor, der dort zu Fall gebracht wird. Ich schätze meinen Professor, mit dem langen Titel, dass er so lange ist, dass ich ihn mir fast nicht merke. Ich bin Christian. Als ich 14 war, begann alles. Ja, da begann alles. Alles!!! Ich fühlte mich irgendwie nicht verstanden von der Welt. Wie so viele in diesem Alter. Könnte ich mir vorstellen. Aber ab 14 war alles anders, denn ich wollte nicht mehr lachen, nein, ich beschloss nicht mehr zu lachen, ich beschloss nicht mehr zu besprechen, und ich beschloss, meinen Sinn für mein Leben zu finden. Diese Suche war jedoch etwas zu radikal. Bald war ich bei der Liebe angelangt, aber auch diese konnte ich nicht finden. Und wie man sich denken kann, wenn man vom Vorzugschüler zum Sitzenbleiber wird, die Liebe seines Lebens doch nicht findet, und überhaupt, nicht einmal Frankl mit seinem Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen..." helfen kann, dann hat es etwas gröberes. Ich war Schüler in der 8. Klasse einer AHS. Kurz nach den Semesterferien, war ich am nächsten Tag auf einer Akutstation, weil ich nicht mehr konnte. Das war der Beginn meiner Reise bis jetzt. Ich lebe isoliert und doch mit vielen Freunden. Ich suche nach vielen sinnvollen Beschäftigungen wie diese hier. Ich habe immer geglaubt, dass es besser wird. Und mittlerweile gibt mir das Leben seinen Sinn zurück. Es ist sinnvoll geworden hier zu sein. Natürlich bin ich in fachärztlicher Behandlung. Aber ich mag mein Leben wieder. Weil ich es immer geliebt habe. Und wenn es einmal enger wird, etwas finster, dann denke ich an mein persönliches Licht, dass ich als Schichtarbeiter wieder auszugraben habe. Schicht für Schicht. Am heilsamsten sind für mich die authentischen Tränen. Weil ich dann weiß, ich lebe. Diese lösen viel. Sehr viel. Ich liebe meinen Humor. Meine Talente. Als "Corona" kam, änderte sich schon einiges für mich, weil gewisse sozialtherapeutische Gruppen abgesagt wurden. Aber so konnte ich mehr Innenschau für mich wieder betreiben. Ich liebe dieses Leben. Es ist so kostbar. Ich liebe meinen Glauben. Vielen Menschen würde ich gerne Trost spenden. Ich war einmal 9 Monate stationär, mit einer Woche Unterbrechung. Ich hatte immer wieder nur gebetet, und dann kam die Entlassung. Ich war auch schon 2 Jahre nur im Haus, ohne Außenkontakt. Das ist sehr seltsam. Ich habe überlebt. Und lebe weiter. Menschen, macht euch Mut! Seid dankbar, hier auf diesem Planeten Teil davon zu sein. Schichtarbeiten ist der Job der Zukunft, zum eigenen Licht, zu dir.

© Foggenhuberdamour 05.04.2020