Schwärmen in Zeiten von SMS

"So gingen wir Schritt für Schritt voran - von meiner Kindheit aus wo alles schon begann - So flogen wir durch mein ganzes Leben - sie hat mir soviel Einsicht gegeben über mich." (Lyrics aus "Auf ihrem Sofa" aus dem Musical "Ein wenig Farbe" von Rory Six)

Lange Zeit habe ich sehr wenig an die Episoden in meinem Leben gedacht, in denen ich die meisten "Firsts" erlebt habe und die mich mitunter doch stark geprägt haben. Vielleicht starte ich hier und jetzt mit dem Versuch, sie mir wieder in Erinnerung zu rufen und sie zu erzählen. So wie meine erste richtig große Schwärmerei, die zu einer kurzen, aber sehr heftigen (und teuren) virtuellen SMS-Affäre geführt, eine Freundschaft für fünf Jahre gekappt hat und eine andere entstehen ließ - durch die einige Zeit später meine erste langjährige Beziehung in mein Leben trat. Aber ich greife vor.

O. war im Grunde nur ein halb-typisches Teenagerschwärmobjekt und trotzdem verfielen meine Freundin A. und ich ihm vollends. Sie "kannte" ihn schon, während ich erst Monate später auf ihn aufmerksam wurde. Da ich schon immer eine Frau der Tat gewesen war, besorgte ich mir seine Handynummer. Ich behielt sie eine gefühlte Ewigkeit (ich schätze es waren um die zwei Wochen), bat die Freundin, von der ich sie hatte darum, um Erlaubnis zu fragen, ob ich ihm überhaupt schreiben dürfe und habe heute nicht mehr den leisesten Schimmer, mit welcher semioriginellen Nachricht ich unsere Unterhaltung begann. Zu meiner sehr großen Überraschung antwortete er (was er schrieb könnte ich vermutlich noch in irgendeiner meiner handabgeschriebenen Mappen im Haus meiner Eltern eruieren) und es entwickelte sich mit der Zeit eine nicht ganz jugendfreie Unterhaltung daraus. Noch heute werde ich nervös, wenn ich den "Einzelton" eines Nokiahandies höre (was zum Glück (oder leider?) selten passiert). Dieser hinderte mich nächtelang am Schlafen und leerte zwischen Jänner und Februar mein gesamtes Wertkartenguthaben für das Jahr 2000. Genug Stoff, um in den Schikursnächten jedes Detail mit A. durchzusprechen, gemeinsame Lehrer über ihn auszuquetschen (die tendenziell weniger für ihn schwärmten als wir), einen mehrmonatigen Vorrat an Herzklopfen anzulegen und von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen (wobei "Zukunft" hier wohl maximal die Zeit bis zur Matura umfasste).

Irgendwann erhielt ich die letzte Nachricht von ihm. (Den Begriff Ghosting gab es damals noch nicht.) Bis heute habe ich "in real life" - wie es damals hieß - nicht mehr als ein einziges Hallo mit ihm gewechselt und doch war es eine wunderbar aufregende Episode, die dem Schuljahr eine Portion Magie verliehen hatte.

© fraeuleinfreud