Von Musen und Küssen

"hello freuleinfreud, welcome bei story.one. ... ich bin martin, einer der beiden gründer, und ich freu mich sehr, dass du dabei bist!" (...)

"Hallo Martin, vielen Dank für die herzliche Begrüßung! (...) - jetzt muss mich nur noch die Muse küssen."

"Das warten auf den ersten kuss - schon die erste story."

(Na dann versuchen wir es mal.)

Und so sitze ich da. Es ist Freitag Nachmittag, aus der Boombox lasse ich "meine Pia" singen, um mich nach einem allzu alltäglich-belanglosen Tag in der nüchternen Realität wieder von all den Gefühlen durchströmen zu lassen, die sie über ihre Stimme und meinen Gehörgang direkt in mein Herz schüttet und die sich von dort überall in meinen Körper ausbreiten. Was darf's denn heute sein? Ein bisschen von "ich gehör nur mir" oder doch "ein wenig Farbe"? Ganz egal, ich nehme alles, Hauptsache die Stimmen kommen aus dem Herzen und bringen den Kopf zum Schweigen.

"Ich will nicht gehorsam gezähmt und gezogen sein. Ich will nicht bescheiden beliebt und betrogen sein.", klingt es mir entgegen.

Damals. Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends. Alles war irgendwie neu, frisch, aufregend, für alle, aber vor allem für mich. Als ich gerade die Grenze des Teenageralters überschritten hatte und das Gefühlschaos in meinem noch recht unschuldigen Körper einen auf Femme Fatale machte. Es waren Sommerferien und wenn ich es recht überlege begegnete ich ihm ziemlich auf den Tag genau vor (autsch!) 19 Jahren. Plötzlich stand er vor mir. Braun gebrannt, grinsend und mit gleißend weißen Zähnen, als wäre er direkt einer Zahnpastawerbung entsprungen. Mein Herz machte einen Satz, stolperte - und schlug dann doch weiter (zu meiner eigenen Überraschung). Kurz hatte ich das Atmen vergessen. Alex aus Essen war ein Jahr älter als ich, ein Herzensbrecher und vor allem: tatsächlich interessiert an mir. Also. An Teilen von mir. Für einen Abend. Aber wer nimmt das schon so genau, wenn man verliebt ist, zum ersten Mal, im Sommer?

Wir begegneten einander am Beachvolleyballplatz, beim Mittagessen und beim Abendessen (das vor lauter Aufregung bei mir nur aus gezählten 7 Pommes und einem Nachmittags-Magnum bestand). Er - immer umringt von einer boybandartigen Gruppe halbwüchsiger Jungs. Ganz eindeutig "die Coolen", immer darauf bedacht, auch ihrem Ruf gerecht zu werden. Er achtete weniger darauf, ließ sich sogar zu einer mittelschlechten Playbackaufführung von Grease überreden und hatte in danny-manier endgültig mein Herz (oder meine Libido) erobert.

So kam mir der Abendausflug meiner Eltern tags darauf äußerst gelegen.

Erschütternderweise lässt mich mein Gedächtnis im Stich, während ich danach krame, wie es letztendlich zu unserem Treffen kam, während die Erinnerung sofort an den Punkt springt als wir an den Stufen lehnten, in der untergehenden Sonne, die die orangegelben Klippen der portugiesischen Südküste in feuerfarbenes Licht tauchte und ich instagramtauglich zweieinhalb Stunden lang meine Kussunschuld verlor.

© fraeuleinfreud