MUNDINDIEHAND

„Von der Hand in den Mund lebst Du!“, sagt mein Gegenüber im Bahnabteil mit spitzer Zunge zu Ihrem Mann, Begleiter, Lebensabschnittspartner oder was es alles noch für weitere Bezeichnungen gibt. Er beugt sich vor. Schuldbewusst, oder nach Erklärungen suchend um sein Hirn besser durchbluten zu lassen? Jetzt stützt er den Kopf mit beiden Händen. Die Arme auf den Knien befestigend. Kratzt mit den Zeigefingern in den Ohren. Blickt zu Boden. Und dann, ein Ruck geht durch seinen Körper, als sei er von einer elektrischen Welle getroffen, springt er auf. Sportlich ist der Typ. Ich bewundere sein Muskelspiel. Weniger das Mienenspiel, denn dieses verheißt Ärger. Gar Hass.

Er dreht sichzu mir hin. Spricht mich an: „Wie finden sie das? Ist das nicht gemein? Ich, der diese ‚Dame‘ " er spricht das Wort Dame so despektierlich aus, dass mir ein kaltes Schaudern den Rücken hochstrudelt, und fährt mit einer Stimme in der Wut sich tremolierend mit aufsteigendem Hass verbindet fort, „seit zwei Jahren begleite ich sie. Gebe ihr Halt. Und jetzt dies. Ein solcher Vorwurf! Beurteilen Sie das als gerecht? Ich sorge für ihr geistiges Wohl. Ihr psychologisches Wohl. Ihr körperliches Wohl. Ihr tägliches Brot. Und sie? Was unternimmt sie? Dreht alles um! Umkehrschlüsse! Weshalb?

Nicht von der Hand in den Mund lebe ich, nein, ich nehme meinen Mund immer erneut in die Hand. Handle danach. Führe meinen Mund an der Hand. Wie eine Mutter oder ein Vater sein Kind an die Hand nimmt. Führe diesen stets spazieren. Bringe ihn in die Ausbildung. In die Mundschulung. Nein, nicht beim Zahnarzt. Beim Arztzahn natürlich. Auf dass er seinen Abschluss mit Bravour bestehen kann. Der Mund. Mein Mund. Und nicht mehr andere mit Worten zu unterdrücken sucht. Die Worte sorgfältig auswählt. Damit ich meine Liebe halten kann, auch wenn sie Umkehrschlüsse liebt und so hoffe ich auch mich …“

© françois loeb