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Am See

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Am See | story.one

Dub Inc singen ihren afrofranzösischen Reggae mit dem für sie typischen orientalischen Einschlag, in dem sie ihre Melodien umspielen. Meinen im Schilf verborgenen Platz am See habe ich heute links liegen lassen.

Ich sitze am kleinen Strand, von dem aus ich über den See hinweg die ganze Umgebung im Blick habe. Mein Hemd liegt neben mir und mir brennt die Sonne auf den Rücken, während ich einem Erpel zuschaue, der mit seinem grün schillernden Kopf am Rand einer Insel aus Seerosen herumzupft.

Auf der kleinen Landzunge zu meiner Linken sitzt eine Frau in Jeanshose und Jacke im Schatten und schaut bewegungslos auf das Wasser. Obwohl sie sicher um die hundert Meter von mir entfernt ist, sehe ich ihr an, wie tief sie in ihren Gedanken versunken ist. Am großen Strand zu meiner Rechten hat sich eine Familie niedergelassen. Der größere der beiden Jungen spielt mit einer Baseballkappe auf dem Kopf und in Unterhose mit einem Plastikbagger, der vielleicht zweijährige Bruder watet nackt unter seiner Sonnenmütze kniehoch im Wasser am Rand des flach abfallenden Sees entlang.

Gestern habe ich zu gut gelebt, die nächsten Tage möchte ich bescheidener sein. Auf einen Gruß werde ich später bei Ibrahim wohl noch vorbei schauen, aber türkisch werde ich bis zum Wochenende nicht mehr essen. Ein paar Möhren für Merlina und etwas Brotbelag für mich, das wird bis Übermorgen genügen.

Jetzt steht der Erpel vor mir am Strand und putzt sein Gefieder. Unter seiner Pflege hat er mich im Auge, während ich im Rhythmus von Damian Marleys Jamrock mit dem Oberkörper wippe. Die stumme Frau bricht auf und wirft mir im Umdrehen einen kurzen Blick zu. Dann bleibt sie doch noch einen Moment stehen und hält ihr Gesicht in die Sonne, bevor sie endgültig verschwindet.

Kurz denke ich an Mary Jane und an meinen Nachbarn. Jetzt und Hier wäre sie mir schon angenehm, doch in meiner Wohnung möchte ich sie zur Zeit nicht haben und so verwerfe ich den Gedanken wieder. Ein großer weißer Mischling rennt knapp an mir vorbei, verscheucht den Erpel und spring ihm übermütig in den See hinterher. Ich tausche ein kurzes Lächeln mit seinem Besitzer, aber wir bleiben stumm und schauen dem Hund zu, der gerade feststellt, dass er die Seeroseninsel nicht besteigen kann.

Ein Vogel mit orangerotem Schnabel und grellgelben Krallen stelzt durch das niedrige Wasser am Rand des Sees. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht ist es eine Schnepfenart. Ich bin nur wenige Minuten Fußweg von dem Steinwürfel entfernt, in dem ich am Stadtrand wohne. Doch hier am See ist von der Stadt nichts zu spüren und schaue ich nicht zu genau hin, dann fühle ich mich hier tatsächlich so, als wäre ich mitten in der freien Natur.

Ich werfe die spielende Aktivbox in den Rucksack und laufe mit dem Reggae im Rücken den großen Bogen zum Einkaufszentrum. Dort angekommen habe ich plötzlich keine Lust mehr, meine Musik abzustellen und mich zu maskieren. Ich entscheide, dass ich daheim noch genug zu Essen habe und laufe zurück zu Merlina.

© Frank Naujok 20.05.2020

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