Crash Test Dummy

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Crash Test Dummy | story.one

Ich war Vierzehn, es war Sommer und ich war dumm. Wie schnell kann man wohl auf dem Fahrrad stehend in die Pedale treten? Wie ich mich erinnere schon recht schnell. Nur sollte man dabei keine Sandalen mit einer glatten flachen Sohle tragen.

Ein Fuß rutsche ab und knallte auf den Boden. Der andere trat weiter in die Pedale, die leere Pedale schlug gegen das Bein und für einen kurzen Moment machte ich den Superman über den Lenker hinaus. Vielleicht wollte ich zu irgend einer Kung Fu Rolle ansetzen oder auch den Erdball wegstoßen, jedenfalls dachte ich, dass es wohl eine gute Idee wäre, die Arme dem Boden entgegenzustrecken.

Mein rechter Unterarm brach, der linke bekam einen Knacks ab, mein Kinn platzte auf dem Asphalt auf und dann kam das Fahrrad hinterher und schlug mir noch ein blutendes Loch in den Hinterkopf. Benommen lag ich eine Weile da, was aber die vorbeifahrenden Autos nicht groß zu stören schien. Schließlich stand ich auf und schob mein lädiertes Rad nach Hause.

Mein Vater verfrachtete mich sofort in das Krankenhaus. Dort bekamen mein Kinn und mein Hinterkopf ein paar Fadenstiche, mein rechter Arm einen Gips im Winkel über das Armgelenk und mein linker zu meinem Glück nur einen Gips auf den Unterarm. Mein Kiefer schmerzte, doch der Arzt meinte, das würde schon bald wieder weggehen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hing meine Kinnlade irgendwie links unten und ich bekam den Mund nicht mehr zu. Zurück im Krankenhaus wurde ein Kieferbruch festgestellt. Mir wurden Drahtschlaufen um die Zähne gezogen, daran wurden Schienen befestigt und diese wurden wie ein Schuh im Zickzack mit Draht zusammengezurrt.

Als Trost brachte mir meine liebenswerte Schwester ein Glas Marzipaneier mit Zuckerglasur in das Krankenhaus. Ich schlug sie mit dem beweglichen linken Gips auf dem Tisch platt und schob sie mir in die Backen. Dort lösten sie sich über die Zeit auf, was man wohl auch essen nennen kann.

Acht Wochen lang aß ich mit dem Strohhalm. Schnitzel kann man pürieren. Es gab grünen Brei und roten Brei und brauen Brei. Mein Mund blieb starr und ich redete durch die geschlossenen Zähne. Meine Schwester fand es recht amüsant, mich so zum Lachen zu bringen. Bis ihr einmal eine pürierte Suppe ohne Teller entgegenflog.

Ich musste immer eine Zange bei mir haben, für den Notfall, falls ich mich einmal erbrechen sollte. Die Zange landete in meinem Schulranzen und dort blieb sie auch, egal wo ich war. Als der Tag kam, an dem mein Kiefer endlich wieder befreit wurde, bestellte ich mir bei meiner Mutter einen ordentlichen Braten.

Direkt nach der Befreiung kaufte ich mir eine Brezel. Als ich hinein beißen wollte, stoppte ich unter Zahnschmerzen sofort wieder. Diese hatten sich in der Zeit etwas gelockert und mussten sich erst wieder an das Kauen gewöhnen. Beim Braten sah ich zu.

Wenn ich die Muskeln anspanne, kann ich noch heute eine eigenartig ruckende Bewegung mit meinem Kiefer machen. Einen nützlichen Vorteil habe ich darin allerdings noch nicht entdeckt.

© Frank Naujok