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Hemingway

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Hemingway | story.one

Dann begann das schlechte Wetter.

Überrascht klappte ich das Buch sofort wieder zu. Schon immer war ich ein Freund der ersten Worte. Die ersten Sätze eines Buches haben oft darüber entschieden, ob ich es ignoriert, oder ob ich es bis zum Ende gelesen habe. Dann begann das schlechte Wetter. Hemingway beginnt mitten im Satz. Als würde er sagen "Komm, setz dich dazu. Ich erzähle hier gerade eine Geschichte. Den Anfang hast du verpasst, aber das ist nicht so wichtig." Fünf schlichte Worte, ein einfacher kraftvoller Satz, und ich war verliebt.

"Dann begann das schlechte Wetter. Es kam eines Tages, als der Herbst vorbei war. Nachts musstest du wegen des Regens die Fenster geschlossen halten, und der kalte Wind streifte das Laub von den Bäumen auf der Place Contrescarpe. Die Blätter lagen durchnässt im Regen, und der Wind trieb den Regen gegen den großen grünen Autobus an der Endstation, und das Café des Amateurs war überfüllt, und drinnen beschlugen die Fenster von Wärme und Rauch."

Hemingways Worte kamen über Dekaden hinweg zu mir und doch fand ich sie frischer und kraftvoller, poetischer und emotionaler, klarer und ehrlicher, als die Worte jedes modernen Autors, den ich kenne. So begann ich, dem jungen Hemingway durch die Straßen von Paris zwischen zwei Weltkriegen zu folgen.

In den Lücken zwischen Hemingways Worten liegt ein Geheimnis. Seine Sätze besitzen eine Schönheit, eine Wahrheit und Tiefe, wie ich sie bei keinem anderen gefunden habe. Oft sind sie von einer ungreifbaren Zärtlichkeit, die in den nicht geschriebenen Worten zwischen den Zeilen liegt. Sein Spiel mit den Satztempi ist von einem Feingefühl, wie ich es nie zuvor gelesen habe. In einem Moment schlenderst du gemütlich die Seine entlang, im nächsten Moment folgst du in atemlosen Sätzen einem Bahnradrennen, in denen du das Keuchen der Sportler hörst.

Sollte ich nur einmal in meinem Leben eine Geschichte schreiben, mit deren Worten ich Hemingways Füße berühre, werde ich glücklich sterben.

"... ich stand auf und schaute über die Dächer von Paris und dachte: "Keine Sorge. Du hast immer geschrieben und wirst auch jetzt schreiben. Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst." Schließlich gelang mir ein wahrer Satz, und von dort ging es weiter. Damals war es einfach, denn es gab immer einen wahren Satz, den du kanntest oder gelesen oder von jemandem gehört hattest. Wenn ich anfing, kompliziert zu schreiben oder wie einer, der etwas bekannt machen oder vorführen will, erkannte ich, daß ich die Schnörkel oder Ornamente ausmerzen und wegwerfen und mit dem ersten einfachen Aussagesatz anfangen konnte, den ich geschrieben hatte. Oben in diesem Zimmer fasste ich den Entschluß, über alles, worin ich mich auskannte, eine Geschichte zu schreiben. Darum habe ich mich beim Schreiben immer bemüht, und das war eine gute und harte Schule für mich."

Hemingway - Paris, ein Fest fürs Leben

© Frank Naujok 05.04.2020

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